Szene im Bad

Ich stand unter der Dusche. Meine viel bessere Hälfte schminkte sich vor dem Spiegel. Wir schwiegen einvernehmlich. Dann unterbrach ich die Stille.
„Weißt du, die Yvonne geht mir nicht aus dem Kopf!“
Sie blickte mich schräg an. „So!“ Es war eine Feststellung, keine Frage.
„Sie hat sich seit dem letzten Mal stark verändert.“
„Hm. Und das nicht zu ihrem Nachteil.“
„Stimmt genau.“

Am Vortag hatten wir beisammen gesessen, im Freundeskreis. Auch Yvonne war dabei, ihr Mann, Stefan dagegen nicht. Vor einigen Monaten hatten sie sich getrennt. Beide 60, nach 25 gemeinsamen Jahren und mit zwei erwachsenen Kindern. Yvonne war schlanker geworden, und nicht nur das: sie wirkte freier, selbständiger, lachte viel, sprach mehr als früher. Die Trennung tat ihr anscheinend gut.

„Ich kann das gar nicht nachvollziehen“, sagte ich, während ich auf einem Bein balancierend, mühsam meine Fußsohle schrubbte. „In dem Alter, nach so vielen gemeinsamen Jahren…“
Meine Frau blickte mich schelmisch an, womit ich schon gerechnet hatte, denn ich glaube, sie zu kennen. Währenddessen machte sie mit einem winzigen Pinsel irgendwelche akrobatische Bewegungen in ihrem Gesicht.
„Also bleibst du bei mir, weil du so alt bist!“
„Eine typisch weibliche Frage“, entgegnete ich, während ich sorgfältig ein unsichtbares Stück Hornhaut von meinem Fuß kratzte. „Außerdem, weil wir schon so lange zusammen sind!“
Sie nahm das Blatt auf – oder das hingeworfene Schwert; was ihr wollt.
„Erzähl mir doch von deinen Gründen! Dann sage ich dir meine!“ Das letzte Wort betonte sie mit einem kühnen Strich mit dem Kajalstift.
Ich tat cool. „Na ja“, sagte ich, mein linkes Ohr mit dem kleinen Finger bearbeitend, „auch weil wir schon lange zusammen sind.“
Sie blickte immer noch schräg, das kann sie umwerfend. „Ahaaa!“
„Ja! Außerdem…“, ich tat nachdenklich, was gar nicht leicht ist, wenn man gerade Bauch und Digitalien einseift, „was würdest du tun ohne mich? Wer macht die Einmachgläser auf, wer trägt die Einkaufstaschen in die Küche, wer fängt die Spinnen und die Mäuse ein?“ (Wir wohnen auf dem Land und haben Katzen.)
„Klar“, sagte sie etwas undeutlich, weil sie gerade ihren Mund verzog, um unsichtbare Farbtupferchen auf ihrer Backe anzubringen. „Außerdem, wohin solltest du gehen?“
Denn bei einer Trennung muss immer der Mann gehen, das ist doch klar.
„Vollkommen richtig“, stöhnte ich, weil ich die letzte Zeit immer etwas atemlos bin, wenn ich versuche, meine Rückenmitte mit den Händen zu erreichen. „Wohin eigentlich? Siehst du, es gibt tausend Gründe, um sich nicht zu trennen. Aber ich…“, ich hielt eine wohl berechnete Pause, „ich habe nur einen einzigen!“
Sie zog ihren rechten Mundwinkel nach oben, wie Elvis. „Welchen?“
Während ich meine Körperfalten einer letzten, sorgfältigen Kontrolle unterzog, machte ich erneut eine Pause. Dann drehte ich mich zur Seite, um meinen Hüftspeck zu kaschieren und blickte sie bedeutungsvoll an.
„Dass ich dich liebe.“
Sie schaute prüfend in den Spiegel und blickte dabei wie ein blasierter englischer Lakai. Das ist bei ihr das letzte Schminkritual.
„So, so.“, sagte sie scheinbar unberührt. Doch ich glaube, sie zu kennen, das erwähnte ich bereits.

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Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Lang, lang ist’s her… Es tut mir leid, aber private Umstände zwangen mich, eine Pause zu machen, Krankheit in der Familie… ich möchte es nicht näher erörtern. Doch jede Ausnahmesituation wird zum Alltag, wenn sie lange genug dauert. So ist er da, mein neuer Beitrag im Blog. Zu Beginn, wie angekündigt, auch wenn es mit dem Thema nichts zu tun hat, ein Bild von meinen Katzen, über die ich in Bälde berichten werde, versprochen!

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Haha! Geiler Witz, ich lache mich tot!

Und nun zum eigentlichen Thema heute: Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

Eigentlich bin ich ein lebensfroher Mensch. Nur ist es sehr schwer, bei der deutschen Korrektheit, Betroffenheit und Heuchelei lebensfroh zu bleiben. Freundinnen und Freunde (unbedingte Korrektheit!!): wir sind schrecklich. Während wir uns noch mit zitternden Lippen und Krokodilstränen in den Augen darüber zanken, ob wir über Hitler Witze reißen dürfen, erzählt der Engländer gleich sieben davon und lacht sich tot. Die Amerikaner haben kurz nach 9/11 einen lustigen Kurzfilm gedreht, in dem arabische Hijacker im Cockpit darüber streiten, wie viele Jungfrauen sie im Jenseits tatsächlich bekommen würden, und sogar Bin Laden anrufen, um Genaues zu erfahren. Wäre das hier passiert, kann sich jeder ausmalen, welche Folgen es gehabt hätte…

Jedenfalls ertappe ich mich beim Hören der schlimmen, entsetzlichen und furchtbaren Nachrichten, dass meine beginnende Depression in den konkreten Wunsch, Harakiri (korrekt: Seppuku) zu begehen mündet. Und weil das sinnlos wäre, habe ich eine Strategie entwickelt: ich versuche, den ausdrücklichen Todeswunsch wegzulachen.
Ich weiß, dass man das nicht darf, weil die Betroffenen es einem übelnehmen würden. Und die Nichtbetroffenen erst recht, denn das ist Brauch hierzulande. Doch in Wirklichkeit gibt es ein einziges Mittel, das Unerträgliche zu überstehen: Humor. Denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Früher war das normal. Mitten in den Weltkriegen stolperten Dick und Doof, Buster Keaton und Charlie Chaplin urkomisch durch das Schlachtfeld, und die ganze Welt liebte sie. Mit der Mischung von Schadenfreude, Selbstironie und genialem Slapstick entlarvten sie mit jedem Schritt und jeder Geste die üblen Gesellschaften und die darin lebenden üblen Gesellen (und Gesellinnen, korrekterweise). Jetzt würde das Gleiche einen Sturm der Entrüstung nach sich ziehen. Selbst die nur allzu gerecht verteilten Watschen von Bud Spencer würden heute, 40 Jahre später, von Heerscharen der Betroffenen, davon Betroffenen und wiederum davon Betroffenen empörte Schreie auslösen, wetten?
Und das ist schade, sehr schade. Ich erinnere mich noch, als in den später 80-ern (nicht 80zig!!) die grüne Bewegung aufkam, gab der Fußballprofi Mehmet Scholl in einem Fernsehstudio folgenden, ironisch gemeinten Satz von sich:
„Hängt die Grünen – solange es noch Bäume gibt!“
Ein Aufschrei der Empörung ging durch die Republik. Der arme Scholl musste sich öffentlich entschuldigen für seine Entgleisung. Dabei konnte jedem, der nur ein bißchen Grips besaß, klar sein, dass der Satz satirisch gemeint war, und sich nicht gegen die Grünen richtete, sondern deren Gegner entlarvte. Aber das Klima in Deutschland ließ nicht einmal das zu. Und das in einem freien Land, einer Demokratie mit Denk- und Redefreiheit!

Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich anderswo aufgewachsen war. Und in jenem Land, das auch noch kommunistisch war, gingen wir ein bißchen anders mit diesem Thema um. Denn wir mussten viel ertragen, um Vieles kämpfen, manches durfte nicht gesagt oder nicht einmal gedacht werden. Und wir hatten einen permanenten Mangel an Gütern und deren Qualität (obwohl Letzteres auch hier, jetzt, immer mehr der Fall ist…). Was blieb uns übrig? Unser Humor. Wir machten uns lustig über all dies, mit einem subtilen, perfiden Humor, hinter dem wir traurige Wahrheiten so verstecken konnten, dass jeder sie verstand. Das fällt mir ein Beispiel ein: ein alter ungarischer Sketch, der den qualitativen Mangel vom Klopapier mit einem Flugzeugabsturz verglich.
Denn das Sinnbild dessen, dass im Kommunismus nichts funktionierte, war in den 60-ern (nicht 60ig, korrekt?!) bei dem ungarischen Volk die Tatsache, dass das Toilettenpapier made in Hungary überall riss, nur nicht dort, wo es gelocht wurde. Und dass es nur ein einziges Fernsehprogramm gab, in dem an Samstagabenden die besten Humoristen ihre Witze rissen. Die ganze Nation saß vor dem Bildschirm! Das muss man im Kopf behalten, will man den Sketch verstehen.
Irgendwann in dieser Zeit wurde Ungarn von einem schrecklichen Flugunglück heimgesucht: einer Passagiermaschine russischer Bauart war die Tragfläche abgebrochen und sie stürzte ab.
Am nächsten Samstag saß also ganz Ungarn vor der Glotze, und wartete auf das Kabarett. Der beliebte Komiker trat auf die Bühne, schwarz gekleidet, mit todernster Miene, und verkündete die bereits gekannte Nachricht:
„Meine Damen und Herren, wir alle wissen, dass sich vor einigen Tagen ein schreckliches Unglück ereignete.“
Das Publikum erstarrte. Das soll der Kabarettabend sein? Er fuhr fort:
„Wir verloren ein Passagierflugzeug, und darin 200 Menschen.“
Das Publikum trauerte.
„Die Maschine ist abgestürzt, weil eine Tragfläche abgerissen war.“
Todesstille.
„Dabei hätte man es vermeiden können.“
Atemlose Spannung.
„Man hätte die Tragfläche lediglich… lochen müssen!!“

Und das ganze Land explodierte vor Lachen. Wir lachten nicht die armen Opfer aus, sondern die Mangelzustände, den schlechten Qualitätsstandard – auch den der Russen, denn es war eine russische Maschine – also den ganzen elenden, beschissenen Kommunismus. Jeder wusste es, und niemand war beleidigt. Keiner kam auf die Idee, betroffen und empört aufzuschreien, denn die Umstände waren so, dass jeder wusste, Empörung und Betroffenheit haben mit Humor nicht das Geringste zu tun. Selbst im Dritten Reich gab es Humor. Hier bitte:

Hitler wird von seinem Chaffeur herumgefahren. Als sie durch ein Dorf kommen, überfahren sie ein Schwein. Hitler gibt dem Fahrer hundert Reichsmark: „Machhenn Ssie den Besitzerr aussfindig und entschädigenn den rrechtschaffenen Mann!“
Der Fahrer geht, und kommt nicht wieder. Hitler wartet… und wartet… und wartet. Endlich, nach zwei Stunden, kommt der Fahrer besoffen zurück.
„Wwo wwarrren Ssie sso lange??“
„Tschuldigung, mein Führrerrr, aber die wollten mich einfach nicht gehen lassen und gaben mir alles mögliche zum Trinken, klopften auf meine Schulter und küssten mich ab!“
„Wiesso, wwass haben Ssie gessagtt?“
„Ich sagte: Ich bin der Chaffeur vom Führer, und das Schwein ist tot.“

Das ist Humor. Denn Lachen kompensiert, befreit, nimmt die Spannung, macht das Unerträgliche erträglich. Humor darf alles. Vorausgesetzt, er ist gut. Denn wenn er schlecht ist, ist er tatsächlich beleidigend. Und ich bitte jetzt meine Leser, nicht in eine überkorrekte und übertolerante Diskussion zu verfallen über Gut und Schlecht (falls ich überhaupt so viele Leser habe…), denn darum geht es hier nicht. Für den Witz konnte man damals ins KZ kommen. Hier, jetzt, darf man alles sagen, alles denken. Doch was tun wir? Wir binden uns freiwillig einen Maulkorb um, und überlegen bei jedem Wort, wie wir darauf reagieren dürfen. Das ist keine Demokratie und keine Freiheit. Humor ist auch da, um derartige Gefühle, die selbstverständlich vollkommen überflüssig sind, zu kompensieren.

Tja, und so versuche ich, alles mit Humor zu sehen. Zum Beispiel die jüngsten Ereignisse, die eigentlich Empörung, Betroffenheit oder zumindest verständnisloses Staunen auslösen. Wie auch die eigentlich unerklärlichen Wendungen der USA-Außenpolitik. Während sie um jeden Preis die Konfrontation mit Russland sucht, ist sie dabei, sich mit Kuba auszusöhnen. Unerklärlich? Nicht doch! Die Lösung ist einfach: sie möchte Guantanamo erweitern.
Oder: wie ist es möglich, dass das Standardgewehr der Bundeswehr nicht richtig funktioniert? Bereits im Ersten Weltkrieg funktionierten die deutschen Gewehre unter allen Bedingungen so tadellos, dass sie weltweit verkauft und kopiert wurden. Und die deutschen Waffen des 2. Weltkrieges sind legendär. Zum Glück reichten sie nicht aus, den Krieg auch noch zu gewinnen. Made in Germany…
Warum also schießt das moderne, hochentwickelte Gewehr G36 daneben?
Weil Heckler & Koch schon in der Entwicklungsphase wusste, dass es letztendlich in der Hand der IS landen würde.

Und ganz zum Schluss etwas Hochaktuelles. Vor einigen Tagen stand tatsächlich Folgendes in der Zeitung:

25-jähriger stirbt bei Helene Fischer-Konzert.

Also, wenn der vorhin erwähnte ungarische Moderator die Musik der Fischer gekannt hätte… (Ausschreibung: Was hätte er gesagt? Die Einsender der drei besten Antworten werden zu einem PRIMESTONE-Konzert und einem Bier eingeladen!)

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? Ein Loch…

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Da kommt gar keine Maus raus…

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Aktionskunst

Diesen Artikel beginne ich mit einem Geständnis. Zähneknirschend muss ich Ihnen beichten, dass ich von den bildenden Künsten keine Ahnung habe. Zwar ist bei mir ein Hauch musikalisches Talent vorhanden, und auch meine virtuelle Schreibfeder mag ganz passabel über das ebenfalls virtuelle Papier tanzen (das behaupten andere, nicht ich!), aber bei der Betrachtung von Bildern und Skulpturen regt sich bei mir leider absolut nichts.
Ich weiß, ich bin schuldig. Zu meinem Glück begann ich bereits als Kind mit dem (unfreiwilligen) Studium der Kunstgeschichte: das war damals im kommunistischen Ungarn noch üblich. Die Herrschenden – und das war NICHT das Volk! – waren der Meinung, Bildung sei alles, und führten in den Schulen intensiven Musik – und Literaturunterricht und sogar Kunstgeschichte ein.

Ich war schon immer der Meinung, nicht der Zweck einer bestimmten Handlung sei wichtig, sondern ihre Wirkung. Beispiel: Geht ein abgehalfterter Promi in den Dschungelcamp und stiftet dann das erwirtschaftete (??) Geld in ein Waisenhaus, betrachte ich das als ehrenhaft, denn es ist eine gute Tat, und die dahinter verstecke Absicht, noch prominenter zu werden, ist mir schnurzegal, vor allem, wenn der/die Gute hinterher sowieso als Depp der Nation gilt.

Das Gleiche gilt für mich im Falle des bildenden Unterrichts im sogenannten Kommunismus: es war eine der wenigen Vorteile dieses Systems, obwohl diese gerissenen Gauner dabei nur einen bestimmten Zweck verfolgten. Denn gleichzeitig wollten sie die Herrschaft von Arbeitern und Bauern im Staate sichern, und benachteiligten deshalb in allen Lebensbereichen die sogenannten Intellektuellen, also alle, die nicht Bauer oder Arbeiter waren. Meine Mutter war Schauspielerin, Intellektuelle also, und deshalb ließ man mich nicht Maschinenbau studieren, obwohl ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Dass sie mir einen Gefallen damit taten, ist eine andere Sache – und ein anderer Artikel… Summa summarum: sie benutzten den intensiven Bildungsunterricht, um Feinde anzuzüchten, die sie dann benachteiligen konnten, um die Masse von Arbeitern und Bauern auf ihre Seite zu ziehen. Denn das Feindbild gehört in jedes System, erst recht in eine Diktatur.

Gut. Zurück in die Gegenwart. Also bin ich dank Unterricht trotz meines totalen Banausentums einigermaßen in der Lage, den künstlerischen Unterschied zwischen der Nachtwache von Rembrandt und dem röhrenden Hirsch von der Oma zu erkennen. Sogar der Surrealismus ist mir halbwegs geläufig. Bei der abstrakten Kunst dagegen… sagen wir mal so: „öööhm… leider… verstehe ich zu wenig davon… außerdem…“ Und so weiter. Die Realität ist, dass ich trotz des Wissens, dass die bildenden Künstler, als die Fotografie erfunden wurde, selbstverständlich nach neuen Wegen suchen mussten, beim Betrachten der abstrakter Kunst die gleichen Symptome bekomme wie… na, sagen wir, wie beim Zahnarzt. Und weil ich nicht gerne leide, verwende ich auch dort eine ganz bestimmte Technik. Ich versuche mich von außen zu sehen, wie ich mit offenem Maul da liege, der Mund voll von einem zwölfteiligen Küchenbesteck, und finde, dass das komisch aussieht. Und darüber amüsiere ich mich dann. So wird die ganze Prozedur viel erträglicher.

Wie auch neulich. Ein befreundeter Maler zeigte mir seine abstrakten Bilder, vermutlich in der Annahme, dass ein Musiker (ja, das bin ich!) auch davon etwas versteht. Es war eine äußerst peinliche Situation, in der ich die gleiche Technik anwendete wie oben beschrieben. Ich begann, Witze zu reißen, denn sonst hätte ich zwischen zwei Todesarten wählen müssen: entweder zuzugeben, dass ich nicht die leiseste Ahnung davon habe, und das hätte sein Selbstvertrauen zerstört (oh, wie bin ich schlecht, dass ich mit so einem Banausen befreundet bin, hätte er gedacht…), oder zu versuchen, pseudointellektuellen Schwachsinn von mir zu geben, den er sofort durchschaut hätte, genau wie ich, wenn Laien versuchen, mit mir über Musik zu reden. So wählte ich den Klamauk, in der Hoffnung, er würde mitmachen. Einem seiner Bilder gab ich den Titel Giraffenkatze im Nebel, einem anderen Riesenamöbe beobachtet Verkehrsunfall.

Was soll ich sagen? Er hat nicht gelacht. Doch wie bereits gebeichtet, nicht die Künstler sind schuld, sondern ich. Das Talent, das Schöne und Wahre in der bildenden Kunst zu sehen, fehlt mir gänzlich. Deshalb versuche ich, diesen Mangel mit Humor zu kompensieren. Und Humor war schon immer die beste Medizin. Außerdem, abstrakte Kunst ist eigentlich Schnee von gestern. Die Gegenwart wird von der Aktionskunst beherrscht.

Was ist Aktionskunst? Hier ein Auszug aus Wikipedia:

Aktionskunst ist ein Oberbegriff für eine Reihe von Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts, die die klassischen Formen der bildenden Kunst (Plastik, Malerei) überschritten und um andere mediale und performative Ausdrucksformen erweiterten. Damit stellten sie sich in einen Widerspruch zu dem oft als zu konventionell und eng empfundenen Begriff von Kunst und Kunstbetrieb.

Aha… Meine erste Begegnung mit dieser Kunstrichtung geschah in den Siebzigern (Nicht 70zig, denn das wäre Siebzig-zig, capito??), als ich im Magazin Stern ein Foto des eingefetteten Stuhls von Beuys sah. Oder war das noch bildende Kunst? Keine Ahnung. Jedenfalls verstand ich es nicht, genauso wenig wie die Putzfrau im Museum, die den Stuhl eines Tages sorgfältig vom Dreck befreite, was dann halb Deutschland ins Unglück stürzte. Mich nicht, mea culpa, mich nicht! Und seitdem verfolge ich teils schuldbewusst, teils amüsiert diese Kunst:

Christo. Gegenstände werden in Plastikfolie verpackt, je größer, desto besser. Die Leute kommen und staunen, und der Künstler erklärt sehr wortreich den tiefen Sinn dieser Aktion. Das ist, wie so häufig in dieser Kunstrichtung, auch wichtig, denn sonst wüsste niemand, was das Ganze eigentlich soll. Und er macht vor nichts Halt. Er verhüllt Bäume, Häuser, Brücken, Inseln usw. Ich würde nichts sagen, wenn er nach einem Projekt aufgehört hätte, und sich anderen Techniken zugewandt hätte. Aber so ist es doch nur die gleiche kommerzielle Masche, der er ursprünglich entkommen wollte, oder? Wenn er wenigstens einige Politiker verhüllen würde, oder, der Gigantomanie zuliebe, Nordkorea! Aber so?

Oder der Künstler aus Österreich, dessen Name mir entfallen ist (und glauben Sie mir, es ist besser so!), der sich vor Publikum kopfüber aufhängen und einiger Male tüchtig gegen diverse Gegenstände klatschen ließ, bis er sich mehrere Rippen brach und ohnmächtig wurde. Bekannterweise lassen sich in dubiosen Establihments vor allem Herren in Machtpositionen von gewissen Damen auf ähnliche Weise behandeln. Nur dass sie dafür auch ordentlich zahlen, was vollkommen in Ordnung ist. Aber der „Künstler“ bekommt sogar Geld dafür! Also, ich würde da nicht hingehen, um ihn anzusehen, nicht mal wenn man mich dafür bezahlte, denn das fände ich ganz einfach würdelos, im Ernst!

Oder diese Dame, deren Name (usw., usw.) Oooh, ich könnte sie… googeln, tue es aber absichtlich nicht. Sie ist eine sehr berühmte Künstlerin, deren neueste Aktion ist, irgendwo in New York unbeweglich da zu sitzen und zu starren. Jedermann darf sich ihr gegenübersetzen und ebenfalls starren. Ich habe gelesen, dass Tausende Menschen diese Gelegenheit wahrnehmen. Viele brechen in Tränen aus. Abgesehen davon, dass ich gar keine Zeit dazu hätte: ich würde das nicht tun. Ich breche jetzt schon in Tränen aus, wenn ich daran denke. Die armen Menschen, sie tun mir richtig leid, obwohl sie es freiwillig tun. In meiner Kindheit haben wir das gemacht, nur dass wir dabei irgendwann zu kichern begannen – klar, nicht?

Ein bekannter Maler (den Namen boykottiere ich absichtlich!) steht seit Jahrzehnten vor der Leinwand und bewirft sie mit Farbklumpen. Ein anderer bindet Pinseln an die Pfoten von Katzen und lässt die armen Tiere vor der Staffelei herumfuchteln. (Tierquälerei!) Ein dritter watet bis zum Knie in Farben. Ein vierter… Also, ich weiß nicht. Für mich ist ein gewisser Michelangelo der erste Aktionskünstler gewesen: er kletterte auf ein zwanzig Meter hohes Gerüst, und malte seine Bilder zehn Jahre lang in der Sixtinischen Kapelle auf dem Rücken liegend, beim Licht von flackernden Kerzen. So nebenbei sind seine Fresken auch noch atemberaubend schön, seit fünfhundert Jahren. Und er wiederholte es nicht! Als Nächstes haute er aus einem Marmorblock eine Statue, dann baute er eine riesige Kirche, und die Welt ist ein halbes Jahrtausend später noch überwältigt… Aktionskunst?

Halt, aufhören, bitte aufhören!! Nicht hauen, ich bin unschuldig, aua… Ich habe es nicht so gemeint, nein, ihr Kritiker, ihr aufgebrachten Menschen, Gnade! Ich habe lediglich eine subjektive, weil menschliche, Ansicht geäußert. Außerdem finde ich Aktionskunst gar nicht schlimm, sondern trotz allem höchst sympathisch, allein aus dem Grund, damit der alte Adolf sich noch mehr im Grabe dreht! Allein dafür bin ich tausende Male bereit, diese Kunst zu ertragen, und die Vorstellung bringt mich zum Lachen! Welche Genugtuung! Macht ruhig weiter, ihr Aktions- und Konzeptkünstler, abstrakte Maler, Zwölftonmusiker, denn ich lebe tausendmal lieber in einer Gesellschaft, in der all das möglich ist, als in einer, die das verbietet und verfolgt.

Nur, da ist noch ein Aspekt. Ich verstehe durchaus, dass Kunst auch mal provozieren muss, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, und das ist heute mehr als nötig. Aber das so entstandene Kunstwerk sollte auch gut sein, sonst ist es keins. Nur Provozieren ist nicht genug, das ist noch keine Kunst. In Wirklichkeit bin ich sogar etwas neidisch auf die Aktionskunst. Warum? Das sind geniale Menschen, meine Damen und Herren, wirklich. Denn sie haben diese ausgefallenen Ideen, mit denen man Aufmerksamkeit erregen und damit den versnobten Mitgliedern dieser verrotteten, dekadenten Welt eine lange Nase zeigen und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen kann. Ob ihr Werk tatsächlich Kunst ist, können weder ich noch Sie beurteilen, sondern nur die Nachwelt. Wenn es sie dann noch gibt. Ich meine nicht die Kunstwerke, sondern die Nachwelt.

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Eckdaten und Basislastschrift

Neulich beim Internetbanking fiel mir ein Wort auf, das ich noch nie gehört habe: Basislastschrift. Da ich ein Mensch bin, der recht sorgfältig mit der Sprache umgeht, dachte ich eine Weile darüber nach, googelte erfolglos, und fragte dann bei meiner Bank an, was dieses Wort bedeutet. Lastschrift halt, meinte die freundliche Dame. Auf die Frage, warum das jetzt anders heißt, wusste sie ebenso wenig eine Antwort, wie auf die, ob es auch andere Lastschriften als Basislastschrift gibt. Erneut googelte ich, ohne Ergebnis. Fazit: aus dem Wort Lastschrift wurde das Wort Basislastschrift, fertig.

Hier muss ich ein bißchen weiter ausholen, denn meine ungewöhnliche Neugierde hat einen ganz bestimmten Grund. Ich komme nämlich, das weiß mancher meiner Leser bereits, aus einem anderen Land. Deutsch war einst eine Fremdsprache für mich. Doch weil ich die wichtigen Dinge im Leben recht gründlich angehe, lernte ich nicht nur oberflächlich deutsch, sondern fragte immer wieder nach Bedeutung, Herkunft und Logik von Worten und Sätzen. Und fand sie – manchmal.

Als ich herkam, fiel mir als Erstes auf, dass man mich duzte. Das war nicht weiter schlimm, denn ich war jung. Doch in meiner barbarischen Heimat, wo die Leute ohne Sattel reiten, wild Geige spielen und den ganzen Tag Gulasch fressen, pflegt man Fremde mit Sie anzusprechen. Das Du war das erste Wort in Deutschland, das mir auffiel. Neugierig wie ich bin, forschte ich nach, und fand bald den Grund: ich war ein Ausländer.
Anfangs war ich beleidigt, doch das half nicht. Worauf ich die Sache umdrehte. Sprach mich jemand mit Du an, fiel ich ihm um den Hals, gab ihm links und rechts je einen feuchten Schmatzer und brüllte „Brriedärrchän!“ in sein Ohr. Er duzte mich nie wieder, und jene, die es mitbekamen, ebensowenig. Ja, und seitdem bin ich nicht nur ganz Ohr, wenn es um die Sprache geht, sondern untersuche sie mit einer Art respektvoller Belustigung.
Deshalb war das Nächste, was mir auffiel, das Amtsdeutsch, denn ich musste mich damals so häufig mit Begriffen wie Aufenthaltsgenehmigungsverfahren, Arbeitserlaubnisbewilligung, Einbürgerungsgesuchsuntersuchungsfrist usw. beschäftigen, dass ich nachgehen wollte, ob jemand diese Sprache überhaupt versteht. Es stellte sich heraus, dass die Beamten selbst nicht verstanden, was da auf den Formularen stand, und so war es auch egal, was ich hineinschrieb oder ankreuzte. (Das machte die Sache leichter!) Doch das kennt auch jeder Eingeborener, und deshalb führe ich es nicht weiter aus.
Es war in den späten 70-ern (nicht 70gern, auch nicht 70igern usw. Darüber ein andermal!) das Wort, das so häufig missbraucht wurde, dass ich schon Ausschläge beim Hören bekam: Sicherlich. Sicherlich, meist in der Verbindung mit Mit Sicherheit. Die meisten Fußballer und Politiker benutzten diese Phrasen andauernd. Fragte man Kaiser Franz, der damals noch eine Dauerwelle und seine erste Frau hatte, wie er das eigene Spiel fand, so blickte er eine Weile schräg in den Himmel, und sagte dann bedächtig: „Öö… ööö… öööö… das… alsooo… sicherlich… der Ball.. ist… mit Sicherheit… ööö… rund.“ usw. Furchtbar, nicht? Sogar Willy Brandt begann fast jede seiner Reden, mit seiner krächzenden Stimme damit. „ Meine Damen und Herrren, liebe Mitbürrgerinnen und Mitbürrger, was die innere Sicherheit sowie das Verhältnis zur sogenannten Dädä-ärrrr betrifft, so ist das sicherlich…“
Diese Floskel zog sich wie ein roter Faden durch den deutschen Sprachhimmel, zwanzig Jahre lang, bis sie irgendwann genauso aus der Mode ging, wie die RAF, die vielleicht sogar unfreiwillig zum Entstehen des Wortes betrug. Dabei bedeutet es nichts, gar nichts. Wenn man es aus dem Satz weglässt, bleibt die Bedeutung des Satzes mit Sicherheit unverändert. Sehen Sie?
Das Wort Sicherlich ging sicherlich – sogar mit Sicherheit – auch aus der Mode, weil man andere Worte ohne Sinn fand, die aus unerklärlichen Gründen in regelmäßigen Zeitabständen wie Epidemien die Bevölkerung befallen. Von daher war die nächste Floskel seit den 90-ern eben diese: von daher. Mittlerweile hört man sie überall, sie wird gedankenlos jedes Mal und von jedem verwendet, wenn man etwas erklärt. Ich hatte Pech, von daher hatte ich auch kein Glück. Ich hatte Hunger, von daher ging ich etwas essen. Von daher, nach wohin, möchte ich fragen, doch fällt mir auf, dass ein Wohin genügen würde – aus dem gleichen Grund: das Von oder Nach ist absolut überflüssig. Daher komme ich, dahin gehe ich. Die Bedeutung dieser Worte mit dem Zusatz Von zu multiplizieren ist unnötig und falsch. Von daher werde ich sie auch niemals benutzen, wenn ich nach wohin gehe? Nach Hergatz zum Beispiel. Als ich neulich durch den Ort fuhr, kam mir die Idee, dem Bürgermeister vorzuschlagen, ihn umzubenennen: Vondahergatz. Zeitgemäß wäre es, oder? Doch von daher bin ich mit Sicherheit sicher, dass diese blödsinnige Wortkombination eines Tages aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwinden wird – um einem anderen Unsinn Platz zu machen.

Jedenfalls finde ich keine Erklärung für diese Phänomene. Auf ein anderes Phänomen eine Erklärung zu finden ist dagegen sicher ganz einfach, (von) daher werde ich es jetzt mit Sicherheit untersuchen:
BASISLASTSCHRIFT! Eitel und auffällig prangt das Wort seit neuestem auf meinen Kontoauszügen. Woher kommt es? Aus Deutschland, oder? Nein! Es kommt aus dem bislang unbekannten, exotischen Land Borniertia, auch Wichtigtuerien genannt. Dieses Land wird man vergeblich auf der Landkarte suchen. Es befindet sich dort, wo auch das unverständliche Amtsdeutsch beheimatet ist: in den Köpfen von bestimmten Menschen, die glauben, die eigene Wichtigkeit dadurch unterstreichen zu müssen, dass sie aus einfachen Worten Bandwurmworte machen. So klingt alles, was sie sagen und schreiben, viel, viel wichtiger. Lastschrift genügt eigentlich völlig, doch Basislastschrift klingt bedeutender, und wer das Wort benutzt, fühlt sich bedeutender. Obwohl er nur lächerlich ist. Grundlächerlich. Basislächerlich… Und er ist nicht allein! Er befindet sich in bester Gesellschaft. Neben ihm sitzt der Herr – ich nehme an, es sind Herren, die solche Worte konstruieren, keine Ahnung, warum – der das Wort Eckpunkt und Eckdaten konstruiert hat. Eckpunkt, was ist das? Ein Punkt. Fertig, aus. Zum Eckpunkt wird er völlig unnötig, denn er bleibt ein Punkt. Nur klingt er so viel bedeutsamer, ebenso wie das Wort Rahmenbedingung. Das ist der Wahnsinn, oder? Jahrhundertelang hieß es Bedingung, sogar Könige, Kaiser und Päpste benutzten es so. Doch dann kam der wichtige Herr Politiker, und schaffte Rahmenbedingungen. Als ob es so etwas Anderes bedeuten würde! Hätte Papst Gregor in Canossa seinerzeit Rahmenbedingungen gesagt, hätte ihm Heinrich IV. mit Sicherheit den Kopf abgeschlagen. Zu Recht. Grundrecht. Eckbasisrecht.
Das nächste Wort, mit dem man den gleichen Unsinn treibt, vor allem in der Politik, ist Kern. Kernproblem, Kernbereich, Kernarbeitsnorm. Wenn man es weglässt, bleibt das Wort das Gleiche. Noch gut, dass die Bauern es anders sehen, sonst könnte es eines Tages Kernpfirsichkern heißen, oder einfach Kernkern. Doch Bauern sind bekanntlich schlau. Und nicht borniert.
Obwohl… wenn ich es mir überlege… so schlimm finde ich es gar nicht. Wenn ich ähnlich sinnlose Floskeln fände, wäre ich vielleicht in den Augen der Anderen ein wichtigerer Mensch. Schauen wir mal: ich bin P.G., ein Kernungar, der zu einem Grunddeutschen wurde. Mein Beruf ist Basismusiker. Ich bin hauptverheiratet mit einer haushochanständiger Einzigehefrau, die mir mehrere Eigenkinder schenkte, die ich zusammen mit meinen Gleichwertstiefkindern verantwortungsvoll, überverantwortungsvoll, am Überverantwortungsvollsten (Huch, muss ich beim Tippen aufpassen!) erziehe, und denen ich die grundwichtigsten Sachen im Irdischleben tiefbeibringe. Zum Beispiel, dass sie den Unsinn mit der unnötigen und sinnlosen Komplizierung von einfachen und gut verständlichen Worten lassen sollen. Von daher ist das mit Sicherheit meine einzige, einzigste, absolutobereinzigste Aufgabe. Denn ich bin das Familienhaupt. Familienoberhaupt. Familienoberüberkernhaupt…

Anm. d. Redaktion: Der Schreiber dieser Eckzeilen wurde soeben in eine Hauptzwangsjacke gesteckt und in die strenggeschlossene Zentralkernabteilung eines Basisnervensanatoriums zwangseingewiesen. Während dessen schrie er immer wieder die gänziglichunbekannte und grundunverständliche Worte „Punkt, Kern, Basis, Langzeitaufenthaltsbewilligungsgesuchsbearbeitung!“. Sein Zustand ist ernst. Bierernst. Starkbierernst. Eine Ganzheitsbasisheilung ist grundsatzunwahrscheinlich.

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Hardcore

Jahreswechsel… Zu diesem Anlass mal etwas ernstere Worte. Doch keine Angst, ich werde weder besinnlich noch belehrend oder politisch. Nur etwas nachdenklich. Es geht um grundlegende menschliche Eigenschaften…

Hardcore

Guter Titel, nicht wahr? Springt richtig ins Auge, wie Posh Beckhams magerer Hintern. Doch ich muss Sie enttäuschen, es geht nicht um das, was manche Damen und Herren miteinander treiben, so professionell, dass es am Ende weder für sie noch für die Zuschauer ein Vergnügen bereitet. Nein, das Wort habe ich in einer Mountainbike-Zeitschrift aufgeschnappt, in der ein Leser stolz berichtete, er hätte mit einigen Freunden die Alpen überquert, auf Mountainbikes ohne Federung. Das sei Hardcore, seiner Meinung nach.
Bravo! Da kann ich nur ausrufen: welcher Heldentum! Man stelle sich vor: über Berg und Tal zu strampeln, auf einem puritanisch schlichten Rad, mit mindestens 21 Gängen, Gel-Sattel, erstklassigen japanischen Edelstahl- und Carbon-Teilen und fünf Zentimeter dicken, garantiert pannensicheren Reifen! Nur die Federung fehlt, die der Schreiber als zu komfortabel empfindet und aus Prinzip ablehnt.
Ich möchte nicht prahlen, aber in meiner Jugend fuhr ich mal an einem Vormittag an die hundert Kilometer zum Plattensee mit dem Rad. Unterwegs musste ich ein Mittelgebirge überqueren. Das alte Rad war ohne Gangschaltung, den Sattel stopfte ich mit einer Mütze aus. Alle paar Kilometer pumpte ich die Reifen auf und zog irgendwelche Schrauben nach. Wie gern hätte ich ein Rad mit funktionierenden Teilen und wenigstens einer Dreigangschaltung gehabt! Das war Hardcore, wenn man mich fragt.
Aber das ist nicht so wichtig. Interessant finde ich, dass offenbar eine ganze Menge Menschen den Fortschritt – und nicht nur den – ab einem willkürlich gewählten Zeitpunkt an, aus prinzipiellen oder moralischen Gründen ablehnen. Telefon ja, Handy nein; Auto ja, Servolenkung nein; Dynamit ja, Atombombe nein. Faszinierend, diese Selbstgerechtigkeit. Da fallen mir die Amish People ein, die irgendwann beschlossen haben, dass der Fortschritt um das Jahr 1650 aufzuhören hat, ab da ist alles Teufelswerk. Pferdekutsche gut, Auto schlecht; Aderlass gut, Bluttransfusion schlecht. Sie sind auch besonders gottesfürchtig, was an sich nichts Negatives ist, nur, sie sollten sich vielleicht fragen, wieso der Allmächtige, als er Adam und Eva erschuf, sie nicht gleich mit Pferdekutsche und stählernem Werkzeug versorgte? Vielleicht sind diese Sachen auch schon frevelhaft, weil nicht Gottes Werk, sondern Erfindung des Menschen? Und warum gerade das Jahr 1650? Warum nicht, sagen wir, 1825, als die ersten Dampfschiffe fuhren, oder vor dreitausend Jahren, als man die ersten eisernen Waffen schmiedete? Wann und wo beginnt das Teufelswerk, und wer ist dazu berufen, das festzustellen?
Sie sehen, ich habe ein Problem. Nicht mit dem Wort Hardcore, auch nicht mit den Amish People oder gar dem Mountainbike. Sondern ganz allgemein mit Leuten, die überheblich und selbstgerecht glauben, zu wissen, ab wann das menschliche Gehirn aufhören sollte, zu denken und sich und die Welt zu ändern – und glauben, dass ausgerechnet sie dazu erkoren sind, die Regeln aufzustellen. Suspekt ist mir nicht die Pflege der Tradition, auch nicht der fehlende Glaube an den Fortschritt, sondern die Bereitschaft vieler, Engstirnigkeit und Intoleranz nicht nur als Positivum zu betrachten, sondern sogar zur Weltanschauung zu erklären.
So entstehen Dogmen, Sekten und Diktaturen.

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Ich hasse es, morgens aufzustehen

Sssooo… nach meinem letzten, taufrischen Blogbeitrag hier wieder etwas aus der Mottenkiste, geschrieben im Jahr 2000. Weil ich jetzt in der Vorweihnachtszeit trotz meines fortgeschrittenen Alters fast jeden Tag arbeiten – und demzufolge früh aufstehen – muss, fiel mir der alte Artikel ein. Gleichzeitig erinnerte ich mich an ein Interview, das der US-Showmaster Dick Cavett Ende der 60-er mit Jimi Hendrix führte. Er fragte ihn, wie er wohl lebe, ob er auch wie jeder Normalbürger morgens aufstehe… „Yes, ich versuche, jeden Tag aufzustehen…“, antwortete Jimi mit mattem Lächeln… 

Ich hasse es, morgens aufzustehen.

Kennen Sie das? Der Wecker bimmelt, man öffnet mürrisch seine Augen. Es ist halb sieben. Draußen ist es noch fast dunkel, es schneit, das Schlafzimmer ist kalt. Widerwillig aufstehen, Kaffee machen, duschen, rasieren… furchtbar! Die Daunendecke und die Schaffell-Unterlage sind mollig warm, die Katze schnurrt. Ich wiiillll niiiicht!!! Hilfe…

Was tun? Wochenlang zerbrach ich mir den Kopf. Ich wollte, ich m u s s t e eine Lösung finden! Dann, wie ein Blitz, kam die Erleuchtung. Wenn ich einen Teil meiner Morgenpflichten schon am Abend davor machte, könnte ich vielleicht einige Minuten sparen! Aber welche?

Das Frühstück! Gedacht, getan. Ich schmierte mein Brot, packte es ein und tatsächlich, am nächsten Morgen konnte ich drei Minuten später aufstehen. Am Tag drauf gewann ich noch einmal drei Minuten, indem ich meinen Kaffee zubereitete und in eine Thermosflasche füllte. Der Geschmack war zwar etwas fad, aber drei Minuten!…

Was könnte ich noch tun? Ich hab’s! Ich rasierte mich gründlich am Abend, und siehe da, am Morgen hatte ich nur einen schwachen Flaum, den ich blitzschnell elektrisch nachzog – und gewann sage und schreibe fünf kostbare Minuten! Klasse, nicht? Meine Freundin murrte zwar, weil ich fortan nach ihr aufstehen konnte und somit ihren Kaffee nicht mehr machte (sie besteht auf frischen Kaffee), aber das war mir gleich. Jetzt wollte ich es wissen. Ich verzichtete auf die morgendliche Dusche und trug nur etwas Deo auf – fünf Minuten. Ich putzte meine Brille erst am Arbeitsplatz – eine Minute. Ich schlief in der Unterhose und im Unterhemd, die ich erst am Morgen anziehen wollte – eine Minute! Ich öffnete die Dose mit dem Katzenfutter schon am Abend – eine Minute!

Ich wurde immer besser. Meine Zähne putzte ich im Auto während der Fahrt – drei Minuten! Und so ging es weiter. Zum Schluss schlief ich vollständig angezogen, in Socken und Schuhen, mit einer Spezialmütze auf dem Kopf, um meine am Vortag sorgfältig gekämmten Haare nicht zu verlegen und war glücklich: ich brauchte erst um zwanzig vor acht aufzustehen!!!

Doch dann wurde es meiner Freundin irgendwann zu viel und sie warf mich hinaus. Ich war untröstlich, bis mir einfiel, dass ich auch dadurch noch einige Minuten sparen konnte. Seither lachen mich meine Arbeitskollegen aus, weil ich komplett angezogen, mit der Mütze auf dem Kopf im Auto in der Tiefgarage meines Arbeitsplatzes schlafe, neben mir das Frühstück und die Thermosflasche. Aber was soll’s? Ich muss erst fünf vor acht aufstehen!

2000

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Kritik und Internet

Ich lese ein Buch, höre Musik und sehe mir ein Kunstwerk an. Und stelle fest, dass ich mich als Kritiker überhaupt nicht eigne. Weise, weil alt, mit guter Selbstkenntnis, weil denkend, weiß ich auch sofort, warum: weil ich, sagen Sie es bitte nicht weiter, furchtbar selbstgerecht, anmaßend und intolerant bin. Das gebe ich offen zu. Warum? Weil wir hier unter uns sind. In meiner näheren Umgebung täusche ich permanent vor, gütig, verständnisvoll und tolerant zu sein. Das ist produktiv, weil ich in meinem Egoismus wünsche, dass andere so zu mir sind. Hier dagegen, in der Anonymität des Internets, wo es zugeht wie in einem riesigen Plattenbau – jeder kennt jeden und doch nicht die Bohne – kann ich straflos kontraproduktiv sein und mein wahres, schreckliches Ich zeigen. Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Genug gerechtfertigt. Es geht um die Fähigkeit zur Kritik in der Kunst, und meinen Mangel an derselben. Dass ich, um es zu können, auch noch einige Semester studieren müsste, ist nicht der Hauptgrund, sondern meine Intoleranz. Und was macht man mit seiner Intoleranz, wenn man damit nicht töten möchte? Man denkt sich Kritiken über die Kunst aus, die man mit seinen diversen Sinnesorganen erlebt, und würzt seine Gedanken dazu mit Sarkasmus. Neulich bei einem Theaterbesuch zum Beispiel, wurde im Zuschauerraum auffällig oft gehustet. Ich sagte zu meiner Frau: Warum husten sie? Pfeifen sollten sie, das erleichtert auch. Und ist in diesem Fall ehrlicher. Oder als ich zum befreundeten abstrakten Maler sagte, er könnte seinem neuesten Werk den Titel „Riesenamöbe beobachtet Verkehrsunfall“ geben. He was like the Queen: not amused. In der Literatur dagegen war ich vorsichtiger, denn ich wurde von meinen Freunden viel gescholten wegen meiner bissigen Bemerkung an der rätselhaften und nervtötenden Elfriede Jelinek, die gerade ein Theaterstück in Wien plante, als bei einem rassistisch motivierten Bombenattentat vier arme Roma ihr Leben verloren. Jelinek war empört: „Aus Protest entziehe ich der Stadt die Erlaubnis zur Aufführung meines Theaterstücks!!!“ Die armen, unschuldigen Roma mögen in dem Bewusstsein im Frieden ruhen, dass ihr Opfer doch nicht ganz umsonst war… Bitte nicht steinigen: das ist Sarkasmus, auch Galgenhumor genannt, und in England alltäglich.

Doch wir sind in Deutschland, wo man neben jede öffentliche Meinungsäußerung am liebsten eine Hundertschaft Polizisten und das Bundesverfassungsgericht stellen müsste – und trotzdem von einer Welle der Empörung erschlagen wird. Ich ging in mich (das muss man sich bildlich vorstellen: man geht in sich…) und tat Buße. In der Zeit der allgemeinen Betroffenheit, Toleranz und Profillosigkeit wollte ich nicht mehr bissig und sarkastisch sein, sondern beschloss, die Sache anstelle einer persönlichen Meinung zeitgemäß von Google entscheiden zu lassen. Ich wählte einen Text aus, an dem ich sonst meine ganze Häme ausgelassen hätte: den ersten Abschnitt von Der Butt von Günter Grass – Nobelpreisträger, seine Bücher wirken auf mich wie Zwölftonmusik, mit dem Unterschied, dass Zwölftonmusik manchmal tatsächlich erträglich ist – in den Translater zur Überprüfung, denn das Internet ist unbestechlich und gerecht. Nix für ungut, Günter:

Ilsebill schenkte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund, sagte sie: „Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?“

Die englische Übersetzung lautete:

Ilsebill refilled. Before was conceived, there was mutton shoulder to beans and pears, because the beginning of October. When eating more, with his mouth full, she said: „We now wolln to bed or do you want to tell me in advance how our story began when, where?“

Das war noch ganz OK. Ich probierte weiter, und ließ die englische Übersetzung ins Ungarische translatieren, weil ich auch diese Sprache einigermaßen beherrsche:

Ilsebill újratölteni. Mi előtt fogant, ott mi birka váll bab és körte,: mert az október elején. Ha többet esznek, tele szájjal, azt mondta: „Most wolln az ágyba, vagy mit akarsz mondani előre, hogy a történet akkor kezdődött, mikor, hol?“

Einige von Ihnen werden das nicht verstehen. Doch jene, die ungarisch können, werden wissen, warum ich angesichts dieses Ergebnisses eine halbe Stunde lang Tränen lachte. Jetzt wollte ich es wirklich wissen, und ließ den ungarischen Text ins Französische übersetzen, obwohl ich kein Französisch kann. Aber Sie vielleicht:

Ilsebill rempli. Nous avons conçu avant, il nous mouton haricots de l’épaule et de poires,: car au début d’Octobre. Si vous mangez plus, la bouche pleine, il dit: «Maintenant Woll au lit, ou ce que vous voulez dire à l’avance que l’histoire a commencé, quand, où“

Aha… Ich werde Julien, meinen Neffen aus Niederkruziville fragen, ob es ihm gefällt. Doch weiter. Weil ich auch in Japan viele Freunde habe, wollte ich auch sie nicht um dieses Erlebnis bringen und googlierte die französische Version ins Japanische:

Ilsebillいっぱい。我々は、彼の羊たち豆肩と梨の前に設計された:10月の初めから。あなたは、より多くの彼の口がフルを食べた場合、彼は言った:“今Wollベッドの中で、またはあなたは物語が始まったことを事前に言いたい何を、いつ、どこで」

Ich werde Yuko, Yoko,Tomoko und Miwa fragen, ob sie es erkannten. Jedenfalls sieht es beeindruckend aus. Ilsebill mit japanischer Schrift: gibt es gar nicht… Zum Glück habe ich nicht weitergemacht. Nur zu sehr hätte mich ein Üzbek – Papua – Urdu – Umweg gereizt. Doch weil ich jetzt zu neugierig war, ließ ich den japanischen Text ins Deutsche zurücktrans…chieren:

Ilsebill voll. 10 Monate von Anfang an: Wir waren vor der Birne und seinen Schafen Mamekata gestaltet. Wenn Sie sind, desto mehr aus seinem Mund aß eine vollständige, sagte er: „Jetzt Woll im Bett, oder was Sie im Voraus sagen, dass die Geschichte begann, wollen, wann, wo“

Na also! So hat es wenigstens einen Sinn, oder? Ilsebill voll, und kann infolgedessen nicht mehr klar reden, fertig.

Auch Sie können es versuchen, das Ergebnis wird das Gleiche sein. Und jetzt verrate ich Ihnen etwas. Ich bin gar nicht intolerant und selbstgerecht. Nein neeein! Ich mag Zwölftonmusik, Aktionskunst und experimentelles Theater sehr, sehrsehr. Und sogar Günter Grass ertrage ich einige Zeilen lang. Nein. Der wahre Grund meines Spielchens war, den Unterschied zwischen dem menschlichen Geist und der digitalen Technik zu zeigen. Wer das nicht begreift, wird von der Birne und seinen Schafen Mamekata gestaltet… Und viel Spaß bei der Nachahmung! Die gelungensten Exemplare veröffentliche ich gerne hier, schicken Sie sie mir zu! Nur Mut! Dass die Geschichte begann, wollen, wann wo! Und jetzt Woll im Bett, denn es ist kalt. Gute Nacht! Beim nächsten Mal kommt Helene Fischers Atemlos ran, kritiklos und googlegerecht, einverstanden?

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