Fußball ist unser Leben!

Deutschland ist Weltmeister! Ich weiß, das sind völlig überflüssige Worte, denn jeder weiß es. Fast jeder. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich nicht dafür interessieren. Das weiß ich unter Anderem deshalb, weil ich in meiner Jugend auch einer von ihnen war, keine Ahnung warum. Doch im Laufe der Zeit änderte sich das, den Grund weiß ich ebenfalls nicht. Jedenfalls begann ich, als das geschah, darüber nachzudenken, warum der Fußball die Menschen so stark bewegt wie kein anderer Sport. Und schrieb irgendwann in den Neunzigern eine kleine Abhandlung darüber. Hier ist sie:

 

Fußball ist unser Leben

Das große Ereignis ist vorbei, die Gemüter beruhigen sich, der Alltag kehrt wieder ein. Es ist Sonntagabend, ich sitze mit hochgelegten Füßen im Garten, und lasse die Ereignisse Revue passieren.

Für einige Wochen waren wir im Ausnahmezustand. Wir fieberten jedem Spiel entgegen, diskutierten wild, wetteten, und spürten eine Verbundenheit, die wir sonst kaum kennen. Die ganze Nation schloss sich zusammen, auf eine eigentümliche, positive Weise… es war wunderschön. Es war spannend, erhebend, unvergesslich. Es war ERlebenswert.

Warum bewegt uns Fußball wie kein anderer Sport? Warum fasziniert er uns so sehr? Was regt sich in uns beim Zusehen, warum leiden wir so bei einem verlorenen Spiel, warum sind wir so euphorisch bei jedem Sieg? Da kommt nicht einmal die Olympiade mit. Warum?

Vor einigen Jahren brachte der STERN eine Serie, in der man zu beweisen versuchte, Fußball sei wie die Jagd unserer Vorfahren. Eine andere gängige Meinung ist, Fußball stehe stellvertretend für Krieg. Urinstinkte also, die wir in unseren Genen tragen. Ich meine: Instinkte ja, ansonsten – alles Quatsch. Seit wann versucht man, die Jagdbeute von sich wegzutreten, ausgerechnet in die scharf bewachte Höhle eines feindlichen Stammes? Und in welchem Krieg gibt es so viele Regeln und Verbote? Nein, ich glaube, da sind wir auf dem Holzweg. Gewiss verwechseln manche Menschen Fußball mit Krieg – Hooligans, Skinheads, Psychopathen. Das sind die Randalierer, für die Fußball nur Mittel zum Zweck ist. Fußball, das ist etwas anderes. Fußball ist unser Leben.

Ich meine jetzt nicht das Lied, und auch nicht den Fan, der sich in Vereinsfarben kleidet, dessen Zimmer einem Altar gleicht. Ich meine es im umgekehrten Sinne: Unser Leben ist wie der Fußball. Krieg? Mitnichten. Krieg ist die Aufhebung aller gültigen ethischen Regeln. Im Fußball muss man sich, wie im Leben, zwar hart, aber mit einigermaßen fairen Mitteln durchsetzen. Man darf den Gegner nicht treten, ihm kein Bein stellen, den Ellenbogen nicht benutzen … Da ist das Leben oft noch härter. Machen wir den Vergleich:

Ich bekomme den Ball, renne damit in Richtung des Gegners. Der Ball symbolisiert mein/unser Lebensziel: berufliche Karriere, Familiengründung, Firmenerfolg usw. Meine Mitspieler, die mich unterstützen, das ist meine Firma, meine Familie, mein Stamm. Wir haben gemeinsame Ziele, die wir aber nicht mit allen Mitteln durchsetzen dürfen, denn wir müssen, aus eigenem Interesse, mit Gegnern und Konkurrenten leben können. Diese bewachen das Tor, wollen verhindern, dass wir unsere Ziele verwirklichen, denn das würde unseren Stamm stärken, auf ihre Kosten. Der Torschuss selbst ist die Verwirklichung eines Ziels. Krieg ist das nicht, das würde die Sache vereinfachen, aber auch zuviel Opfer kosten. Es ist das Leben: die Spielregeln sind die Gesetze, so etwas wie die zehn Gebote: lebensnotwendig, ohne sie herrschte Chaos.

Das erklärt auch, warum in den USA nicht Fußball, sondern American Football der Nationalsport ist. Ihre Mentalität ist eine andere. Der Lebenskampf ist härter, der Umgang rauer, die Regeln einfacher. Sie sind auch mit weniger Traditionen behaftet. Warum soll man den Ball nicht in die Hand nehmen dürfen? Und warum sollte man sich mit Trikotziehen aufhalten, wenn man den Gegner gleich zu Boden werfen kann? Und, sie sind anders gewappnet: der Amerikaner hat eine Pistole in der Schublade, und die Football-Spieler sind dick bandagiert, gepolstert, behelmt. Selbst das Tor zeigt den Unterschied: es ist nach oben offen. Amerika, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Unser Tor ist vielleicht breit, aber niedrig: das ist unsere europäische Enge, unsere Einschränkungen… Ich meine: Fußball ist der Spiegel unseres Lebens. Fußball ist unser Leben.

Anno 199?

 

 

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s