Renovieren

Mein Thema heute ist Renovieren. Leben Sie auch in einem Altbau? Dann wissen Sie, wovon ich spreche. Renovieren ist kein Hobby, kein Zeitvertrieb. Renovieren ist Leben, ist Lifestyle. Es ist Erfüllung und Horror zugleich, Vergnügen und Not. Bei uns beginnt es stets damit, dass meine Lebensgefährliche eine Bemerkung macht:

„Eigentlich könnten wir das Treppenhaus modernisieren.“

Ich erstarre und bekomme einen Schweißausbruch. Schon wieder! „Wir“, das bin ich, in königlicher Mehrzahl. In den darauffolgenden Monaten werde ich jede freie Minute mit Klopfen, Sägen, Zurren, Zerren, Bohren, Stauben, Schleifen, Dübeln, Schrauben, Schleppen, Meißeln, Pinseln, Messen und Beten verbringen. Eine Gegenwehr ist unmöglich. Ich stand schon vor einer Pistolenmündung, habe Hundeattacken abgewehrt, schüchterte randalierende Hooligans ein und kam bei drei schweren Autounfällen und ebenso vielen Ehescheidungen glimpflich davon. Doch hier bin ich hilf- und machtlos.

Ich versuche, das Unheil abzuwehren. Schwach murmele ich etwas von Zeitmangel, anderen Projekten und Prioritäten, doch sie bleibt beharrlich. „Nie machst du etwas“, behauptet sie, „NIE!“

Ich habe fünf Jahre meines Lebens in dieses Haus gesteckt, Essens- und Schlafenszeiten nicht mitgerechnet. Das Schlafzimmer ist schon fertig und die Speisekammer auch. Fast. Zugegeben, ein Profi wäre schneller, aber auch teurer, außerdem macht es Spaß – behauptet zumindest meine Lebensgefährliche. Recht hat sie: es macht ihr Spaß, dass ich schufte. Erstaunlicherweise bin ich nach drei schlaflosen Nächten von der Notwendigkeit der Aktion selbst überzeugt. Hypnotisiert sie mich? Egal. Ich beginne.

So eine Renovierung ist wie ein Weltkrieg, sie besteht aus zwei Phasen: 1. Zerstörung. 2. Wiederaufbau.

Die erste Phase ist noch relativ vergnüglich.Wer kennt das nicht? Es ist ein diebisches Vergnügen aus der Kinderzeit, das neue Spielzeug kaputtzumachen, es auseinander zu reißen, die Modelleisenbahn verunglücken zu lassen oder die Sandburg des Nachbarjungen zu verwüsten. Ein Urtrieb eben. Ich reiße Tapeten ab, Wände ein, Kabel raus, verwandele den gesamten Bereich an einem einzigen Tag in ein Trümmerfeld und sehe dabei aus wie ein Bäckerlehrling, der in den Fleischwolf geraten ist – und bin sogar stolz drauf. Meine Lebensgefährliche wird ohnmächtig und ich schlafe endlich gut und tief.

Die zweite Phase wird eingeleitet durch tagelanges Grübeln. Stimmt die Reihenfolge nicht, muss man alles doppelt machen, bereits Fertiggestelltes wieder demontieren… und es passiert trotzdem! Zum Glück kann ich ungarisch fluchen, sonst hätte mich die Nachbarschaft schon längst angezeigt. Denn während der Deutsche sein Missfallen mit der oberflächlichen Erwähnung menschlicher Ausscheidungsprodukten bekundet, schildert der Ungar ausführlich und genüsslich das perverse Sexualleben seiner Eltern, der gesamten Verwandtschaft sowie aller ihm bekannten Heiligen, den großen Chef samt seinem irdischen Stellvertreter nicht ausgenommen. Doch ich schweife ab.

Nach mehrwöchigem Werkeln jedenfalls steht das fertige Produkt, der Raum erstrahlt in neuem Glanz und meine L. wirft sich mir an den Hals und macht leichtfertige Versprechungen.

Doch das Glück währt nicht lange. In der Nacht werden wir von einem tiefen Grollen geweckt, das in ein unheilvolles Gepolter übergeht und mit einigen Explosionsgeräuschen endet. Übles ahnend eilen wir hin und stehen vor einem rauchenden Trümmerfeld, aus dem undefinierbare Gegenstände ragen. Und Bijou, unsere Katze tanzt vergnügt darauf herum. Ihr gefällt so etwas.

Meine L. dagegen bekommt zuerst einen Weinkrampf, rafft sich dann auf und spricht das Machtwort:

„Ein Fachmann muss her!“

Das sage ich schon die ganze Zeit! Und der Fachmann kommt. Sichtlich vergnügt und schadenfroh betrachtet er das Entsetzen und sagt nach wirkungsvollem Schweigen: „Sie hom alles falsch gmacht ghät!“

Das dachte ich mir auch schon.

„Der Sturz fählt und den Balken hätten’s im Wasser machen müsset. Den Untagrund hams au it vorbereitet…“

Im Wasser? Ertränken müsste man sich. Oder aus dem Fenster springen. Das wäre dann ein Sturz.

„Und dafür“, zeigt er erbarmungslos auf einen Punkt in der wirren Müllhalde, „hättet’s a Spezialwerkzeig braucht. Des hoißt Sterlingshumpenschlagbohrdichtungskröpfzang und kost neunhundertdreundfuffzck Mark.

Die werde ich unverzüglich besorgen.

Um es kurz zu machen, der strenge Herr Fachmann ist in drei Tagen fertig. Nach drei weiteren Tagen zeigen sich erste Risse, nach einer Woche ist das Ganze schief, und nach einem Monat mache ich noch einmal Phase eins, siehe oben. Und wieder spricht meine L. ein Machtwort:

„Wir holen den Gerhard.“

Gerhard ist ein Genie. Er repariert in fünf Minuten jeden Rohrbruch, tapeziert in einer halben Stunde eine Wohnung und baut in zwei Wochen ein Haus. Er arbeitet 27 Stunden am Tag, baute sich grade ein Lustschloss mit Wehrtürmern und Wassergraben und hat sogar Fische eingesetzt. Er ist das Handwerker-Nonplusultra, der große Zampano, der Schrecken aller Fachmänner. Und er verlangt dreifuffzig die Stunde. Oder so ähnlich. Warum haben wir ihn nicht gleich geholt? Weil er gewöhnlich für siebzehn Jahre im voraus ausgebucht ist.

Doch wir haben Glück, und er kommt. Als er die Geschichte hört und den Tatort begutachtet, lacht er kurz spöttisch, spuckt in die Hände, holt tief Luft und…

Was soll ich sagen? Die Wand steht in einer halben Stunde. Kabel werden in Windeseile verlegt, Putz fliegt von selbst an die Wand, Tapeten ebenso… Nebenbei schafft Gerhard sogar noch: ein Bier zu trinken, die Katzen zu streicheln, Witze zu erzählen, wertvolle Tipps für Haus und Garten zu geben und Kochrezepte zu tauschen… Dann setzt er sich auf seinen Harley und braust fröhlich davon. Mittags ist er schon bei der Familie. Und ich nehme mir vor, Straßenmusikant zu werden und mit den Einnahmen die nächste Renovierung, die unweigerlich kommen wird wie die nächste Schlechtwetterfront, zu finanzieren. Ich hole Gerhard, und wenn ich siebzehn Jahre warten muss.

2002

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