Katzenberger, Zlatko & Co.

Ich habe Ihnen witzige Beiträge versprochen – überwiegend. Doch manchmal macht das Leben die besten Witze, und wer bin ich, die übertreffen zu wollen? Unser Fernsehprogramm  ist zum Beispiel ein Witz, vor allem seine Protagonisten, jene künstlich aufgebauten Figuren, nach denen kein Hahn krähen würde, gäbe es nicht das Privatfernsehen mit seinen hanebüchenen Vorstellungen davon, was das Publikum angeblich sehen will. Nur, diese subversive Arbeit, Volksverdummung genannt, trägt langsam ihre Früchte… Und darüber schrieb ich vor einigen Jahren eine kleine Abhandlung:

Als ich eines Abends von der Arbeit kam, war ich zu aufgekratzt zum Schlafen und zu müde zum Lesen. Ich schaltete die Glotze ein, doch selbst dazu fehlte mir die Konzentration. Was tut man in diesem Zustand, zwischen Wachsein und Schlaf? Richtig, man zappt. Ich zappte, und plötzlich nahm ich wahr, dass ich mit jedem Druck auf den Knopf wacher wurde. Ich entdeckte ein Phänomen, eine bahnbrechende Neuigkeit sozusagen. Denn auf achtzehn Kanälen, also auf fünfzig Prozent der insgesamt 36 oder so, strahlte ER mir entgegen, gut gelaunt, gut gebaut, wohlgenährt und dumm wie die Nacht, Zlatko, der absolute Superstar jener Tage. Erinnern Sie sich noch?

Stars gibt es, seit es Menschen gibt. Am Anfang der Geschichte waren es gewiss jene, die den Gegner mit der Keule am tiefsten in den Boden rammen konnten. Das war sehr berechtigt, weil hilfreich. Später waren es die Herrscher oder die größten Schwertkämpfer, seit etwa 6000 Jahren auch Künstler, Priester, Politiker, Abenteurer. Achilles, Pheidias, Platon, Aristoteles waren Stars. Auch die Olympioniken, die Sportler des Altertums wurden vergöttert. Mohammed, Christus waren Superstars. Die Reihe ist endlos: Robin Hood, Berthold Schwarz, Gutenberg, Michelangelo, Nostradamus, Prinz Eugen, Casanova, Paganini, Mozart, Napoleon, Liszt, Chopin, Sissy, Hindenburg, Lenin, Josephine Baker, Einstein, Chaplin, Hitler, Elvis, Monroe, Kennedy, Mao, Lennon, Jagger, Barnard, Brandt, Hendrix, Che, Michael Jackson, Boris, Steffi, Schumi…

Diese illustre Gesellschaft wurde nun um einen Namen reicher: Zlatko. In dieser, zugegebenermaßen, sehr unwissenschaftlichen Abhandlung will ich nachgehen, womit wir Leute wie ihn, Verona Pooth oder Frau Katzenberger verdient haben.

Stars haben etwas gemeinsam. Das Wichtigste überhaupt ist, dass sie etwas leisten. Sie sind große Helden, Sportler, Künstler, Wissenschaftler. Sie können etwas Besonderes. Oder sie sind wenigstens große Verbrecher. Der erste von ihnen war der Brandstifter Herostratos, er lebte im antiken Griechenland und zündelte nur, um berühmt zu werden. Bei Adolf war es umgekehrt, er wurde zunächst berühmt, um morden zu können… Jedenfalls waren es zweifellos „Leistungen“, wenn auch makabre.

Die zweite Gemeinsamkeit ist, dass sie etwas verkörpern . Sie sind nicht nur prägend für ihre Zeit, nein, sie werden auch von ihrer Zeit geprägt. Nehmen wir nun die Lupe (das ist natürlich nur symbolisch gemeint, diese Leute sind ja nicht zu übersehen), und untersuchen, ob Zlatko, Katzenberger und andere in diesen Rahmen passen.

Was konnte Zlatko? War er Wissenschaftler, Sportler, Künstler? Was konnte er, was andere nicht können, wodurch zeichnete er sich aus? Was kann Frau Katzenberger? Die Antwort ist einfacher als die Frage: NICHTS. Sie können nichts. Sie können nicht schreiben, singen oder schauspielern, sie haben nichts entdeckt oder erfunden, sie sind höchstens einigermaßen attraktiv. Sie haben ihre Zeit nicht geprägt und… halt, halt, Vorsicht, jetzt kommt der springende Punkt:

Sie sind typische, essentielle Produkte ihrer Zeit. Einer Zeit, in der die Masse sich nichts mehr gefallen lässt. Keine Vorschriften, Regeln, keine Fesseln des Geschmacks und der Kultur. Sie sind nicht die Stars des Volkes, sondern die des Pöbels. Der Pöbel pfeift auf Manieren, Traditionen, Geschmack und Erziehung. Er liest und lernt nicht, latscht schwitzend in Bermuda-shorts und mit nacktem Bauch durch die City, hat keinen blassen Schimmer, wer den Begriff „Big Brother“ erfand und warum (nämlich eben darum)… und wählt sich Zlatko, Katzenberger oder Tatjana Gsell zum Superstar. Kein Mensch kann erklären, warum gerade sie, und eben deshalb! Sie sind unsere neuen Protagonisten, seht her, wir, Zlatko, Katzenberger usw. gehen in die Annalen ein, als Boten einer neuen Zeit, als die ersten Menschen der Geschichte, die durch Null-Leistung berühmt wurden, und aus diesem Grund von Null-leistenden vergöttert werden – nicht obwohl, sondern eben weil wir nichts können!

Ist das ein schlechtes Zeichen? Ich meine, nein! Denn sie sind Vorboten einer schönen, neuen Welt… Wirtschaft? Politik? Wie langweilig. Nicht mal Rechtsradikalismus lohnt sich, weil viel zu anstrengend. Vom Tellerwäscher zum Millionär, darüber lächeln wir künftig nur noch müde. Wer wäscht schon Teller? I wo! Man strömt in die privaten Fernsehstudios, und lacht sich krank über Professoren, Bankvorstände und Burgschauspieler: denn man ist Pooth, Zlatko, Katzenberger, Bauer sucht Frau und Goodbye Deutschland! Sie sind die neue Verheißung, der Messias! Unbegrenzte Möglichkeiten tun sich auf: wir müssen nicht mehr lernen, brauchen keine Ausbildung, mühen uns nicht einmal ab, für lumpige zehn Millionen Fragen wie „Wie lange dauerte der Dreißigjährige Krieg?“ oder „Wie hieß Alexander der Große?“ zu beantworten. Wir saufen Shakes-Bier, wandern aus und scheitern medienwirksam, benehmen uns auffällig peinlich, pöbeln uns an vor laufenden Kameras und singen nur, um zu zeigen, dass Falsch Kult ist. Wir brauchen keine Entertainer mehr, wir sind sie selbst, wir sind das Volk, wir sind die Stars, wir sind die Zukunft. Die ganze Welt kann uns mal. Kommen wir nicht ins Fernsehen, macht das auch nichts, denn es gibt ja das Internet! Brechen wir auf ins neue Jahrtausend! Big Brother – der echte – winkt uns schon grinsend heran.

2010

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