Das Grab meiner Großmutter in Ungarn zum Beispiel

Und schon wieder geschieht es in der Stadt. Ist ja klar, was geschieht schon zuhause, außer… aber das ist kein Thema für hier. Also, ich eile nach der Arbeit in die Fußgängerzone, um schnell noch einzukaufen, aber dann muss ich wirklich heim, ich habe noch viel zu tun. Kurzum, ich habe es eilig. Ich will niemanden treffen, will nicht aufgehalten werden, mache präzise meine Besorgungen und eile zurück zum Auto. Nix wie weg, mein Gott, habe ich viel zu tun…

Und dann erblicke ich sie. Erwartungsvoll schielt sie zu mir rüber von der anderen Straßenseite. Soll ich so tun, als ob ich sie nicht sehe? Schnell vorbei eilen, nicht rechts und links blickend? Sie ist etwa Mitte fünfzig, eine ganz gute Bekannte, ein simples „Hallo“ im Vorbeigehen wäre unhöflich, aber für einen Plausch habe ich einfach KEINE ZEIT!! Freundlich winke ich rüber, sie erwidert den Gruß, ihre Körperhaltung ist einladend, ihr Lächeln herzlich. Jetzt kann ich nicht anders, ich muss zu ihr. Zum Teufel, wie heißt sie eigentlich?

Händedruck, Kopfnicken. „Hallooo, wie geht’s?“ Sie sagt es zuerst, ein schlechtes Zeichen. „Gut“, lüge ich ohne mit dem Wimper zu zucken, und noch ehe ich die Gegenfrage stellen kann, schneidet sie mir gierig das Wort ab. „Mir leider nicht. Vorgestern brachten wir Tante Hedwiga ins Altersheim, Sie können sich nicht vorstellen, was da los war. Eliza hat sich im Urlaub ein Bein gebrochen und Josef kämpft immer noch mit seinen Hämorrhoiden. Jetzt komme ich gerade vom Friedhof…“

Ich sehe, dass ich eine Lawine losgetreten habe und versuche, eine Lücke in ihrem Wortschwall zu erspähen, um hineinstoßen und das Gespräch beenden zu können. Ich habe es EILIG! Doch OK, ich gebe ihr drei Minuten.
„…Und habe frische Blumen aufs Grab gelegt, das Laub weggefegt und die Erde etwas aufgelockert…“

Das ist hochinteressant. Ich versuche, meinem Gesicht einen aufmerksamen Ausdruck zu geben. „…und da traf ich den alten Herrn, der das Nachbarsgrab pflegt und er erzählte…“

Ich nicke einige Male und neige den Kopf mit gespieltem Mitleid zur Seite. Wenn sie bloß endlich einatmen würde… Ich gebe ihr noch fünf Minuten. Meine viel bessere Hälfte bekommt ihr Abendessen etwas später, aber schließlich ist sie auch ihre Bekannte, ich tue es auch für sie.

„…und auf dem Heimweg…“ Na endlich, jetzt ist sie schon auf dem Heimweg und ich kann gehen. Doch Pustekuchen: „… fiel mir ein, dass ich meinem Sohn noch etwas besorgen musste, dabei…“ In meiner Verzweiflung beginne ich, die Situation zu genießen. Koste es aus, sagt eine diebische Stimme in mir, das ist irgendwie geil… „… ja, der Fritz ist nämlich nicht so einfach, er ist sehr heikel…“

Was sie nicht sagt. Der Fritz ist heikel, siehe da. Ich müsste längst daheim sein, kochen, aufräumen, trainieren, üben, Papierkrieg machen, mich duschen, zum Tanzkurs gehen, und Fritz ist heikel.

„…Ja und dann, weil ich sowieso bei Kutter in der Nähe war, kaufte ich schnell noch frische Graberde…“ Ach so, sie ist wieder auf dem Friedhof. Ich bemerke, dass sie rechts neben ihrer Nasenwurzel zwei Pickeln hat und versuche mir vorzustellen, wie sie sie vor dem Spiegel ausdrückt. Angestrengt steckt sie die Zunge dabei heraus, drückt viel zu fest und die Dinger spritzen auf den Spiegel… „…Aber das ist alles nicht mehr wie früher…“

Vielleicht sollte ich das für sie tun. Ihren Hals mit beiden Händen fest umklammern und versuchen, ob ich ihre Nasenwurzel mit dem Daumen erreichen kann. Wenn nicht, dann noch fester zudrücken… „…Die Leute sind einfach schrecklich…“ Wem sagst du das. „…Und die Preise…“ Die auf deinen Kopf ausgesetzt sind? Ich tue es umsonst! „…aber sie ist auch schon tot. Ihren Grabstein…“ Ihren Grabstein? Deinen Grabstein! Meinen Grabstein! Eine Waffe, ein Königreich für eine Waffe! „…und wenn es regnet, wird das Laub rutschig und ab einem bestimmten Alter…“

Ich halte es nicht mehr aus. Mein Knie schmerzt höllisch, während sie das Gespräch mit riesigen Schrauben an ihm befestigt. Ich muss etwas tun… Große Strategen lösen eine solche Aufgabe mit links! Was würde Napoleon tun? Oder Alexander der Große? Entzwei schneiden, wie den gordischen Knoten. Aber ich habe keinen Säbel! Plötzlich habe ich die rettende Idee. Grob unterbreche ich sie: „Ja, so ist das halt. Das Grab meiner Großmutter in Ungarn zum Beispiel…“

Ihr Gesicht zerfällt. Hilflos öffnet sie den Mund, und während ich wahllos weiter rede, sehe ich, dass sie sich plötzlich maßlos langweilt. Gnadenlos plappere ich weiter, die Rache ist süß. Sie steht von einem Bein aufs andere, hebt hilflos den Zeigefinger, schnappt nach Luft. Das hättest du früher tun sollen, haha! Ich spreche unaufhörlich, gehe dabei zwei Schritte zurück, mache wohlüberlegt eine Rechtsdrehung um fünfundvierzig Grad und hebe meine Einkaufstasche vom Boden. Die Körpersprache ist wichtig! „So, jetzt muss ich aber gehen, ich habe noch viel zu tun. Es war schön, Sie zu sehen, Frau öööh… Tschüss, und schöne Grüße!“ An wen, weiß ich nicht einmal, aber solche Sätze können nicht schaden. Und während ich mich entferne, steht sie immer noch da und ruft mir Wortfetzen zu, die ich zum Glück nicht mehr verstehe. Erleichtert eile ich zum Wagen und nehme mir vor, künftig nur noch in einer anderen Stadt einkaufen zu gehen.

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