Kritik und Internet

Ich lese ein Buch, höre Musik und sehe mir ein Kunstwerk an. Und stelle fest, dass ich mich als Kritiker überhaupt nicht eigne. Weise, weil alt, mit guter Selbstkenntnis, weil denkend, weiß ich auch sofort, warum: weil ich, sagen Sie es bitte nicht weiter, furchtbar selbstgerecht, anmaßend und intolerant bin. Das gebe ich offen zu. Warum? Weil wir hier unter uns sind. In meiner näheren Umgebung täusche ich permanent vor, gütig, verständnisvoll und tolerant zu sein. Das ist produktiv, weil ich in meinem Egoismus wünsche, dass andere so zu mir sind. Hier dagegen, in der Anonymität des Internets, wo es zugeht wie in einem riesigen Plattenbau – jeder kennt jeden und doch nicht die Bohne – kann ich straflos kontraproduktiv sein und mein wahres, schreckliches Ich zeigen. Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Genug gerechtfertigt. Es geht um die Fähigkeit zur Kritik in der Kunst, und meinen Mangel an derselben. Dass ich, um es zu können, auch noch einige Semester studieren müsste, ist nicht der Hauptgrund, sondern meine Intoleranz. Und was macht man mit seiner Intoleranz, wenn man damit nicht töten möchte? Man denkt sich Kritiken über die Kunst aus, die man mit seinen diversen Sinnesorganen erlebt, und würzt seine Gedanken dazu mit Sarkasmus. Neulich bei einem Theaterbesuch zum Beispiel, wurde im Zuschauerraum auffällig oft gehustet. Ich sagte zu meiner Frau: Warum husten sie? Pfeifen sollten sie, das erleichtert auch. Und ist in diesem Fall ehrlicher. Oder als ich zum befreundeten abstrakten Maler sagte, er könnte seinem neuesten Werk den Titel „Riesenamöbe beobachtet Verkehrsunfall“ geben. He was like the Queen: not amused. In der Literatur dagegen war ich vorsichtiger, denn ich wurde von meinen Freunden viel gescholten wegen meiner bissigen Bemerkung an der rätselhaften und nervtötenden Elfriede Jelinek, die gerade ein Theaterstück in Wien plante, als bei einem rassistisch motivierten Bombenattentat vier arme Roma ihr Leben verloren. Jelinek war empört: „Aus Protest entziehe ich der Stadt die Erlaubnis zur Aufführung meines Theaterstücks!!!“ Die armen, unschuldigen Roma mögen in dem Bewusstsein im Frieden ruhen, dass ihr Opfer doch nicht ganz umsonst war… Bitte nicht steinigen: das ist Sarkasmus, auch Galgenhumor genannt, und in England alltäglich.

Doch wir sind in Deutschland, wo man neben jede öffentliche Meinungsäußerung am liebsten eine Hundertschaft Polizisten und das Bundesverfassungsgericht stellen müsste – und trotzdem von einer Welle der Empörung erschlagen wird. Ich ging in mich (das muss man sich bildlich vorstellen: man geht in sich…) und tat Buße. In der Zeit der allgemeinen Betroffenheit, Toleranz und Profillosigkeit wollte ich nicht mehr bissig und sarkastisch sein, sondern beschloss, die Sache anstelle einer persönlichen Meinung zeitgemäß von Google entscheiden zu lassen. Ich wählte einen Text aus, an dem ich sonst meine ganze Häme ausgelassen hätte: den ersten Abschnitt von Der Butt von Günter Grass – Nobelpreisträger, seine Bücher wirken auf mich wie Zwölftonmusik, mit dem Unterschied, dass Zwölftonmusik manchmal tatsächlich erträglich ist – in den Translater zur Überprüfung, denn das Internet ist unbestechlich und gerecht. Nix für ungut, Günter:

Ilsebill schenkte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund, sagte sie: „Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?“

Die englische Übersetzung lautete:

Ilsebill refilled. Before was conceived, there was mutton shoulder to beans and pears, because the beginning of October. When eating more, with his mouth full, she said: „We now wolln to bed or do you want to tell me in advance how our story began when, where?“

Das war noch ganz OK. Ich probierte weiter, und ließ die englische Übersetzung ins Ungarische translatieren, weil ich auch diese Sprache einigermaßen beherrsche:

Ilsebill újratölteni. Mi előtt fogant, ott mi birka váll bab és körte,: mert az október elején. Ha többet esznek, tele szájjal, azt mondta: „Most wolln az ágyba, vagy mit akarsz mondani előre, hogy a történet akkor kezdődött, mikor, hol?“

Einige von Ihnen werden das nicht verstehen. Doch jene, die ungarisch können, werden wissen, warum ich angesichts dieses Ergebnisses eine halbe Stunde lang Tränen lachte. Jetzt wollte ich es wirklich wissen, und ließ den ungarischen Text ins Französische übersetzen, obwohl ich kein Französisch kann. Aber Sie vielleicht:

Ilsebill rempli. Nous avons conçu avant, il nous mouton haricots de l’épaule et de poires,: car au début d’Octobre. Si vous mangez plus, la bouche pleine, il dit: «Maintenant Woll au lit, ou ce que vous voulez dire à l’avance que l’histoire a commencé, quand, où“

Aha… Ich werde Julien, meinen Neffen aus Niederkruziville fragen, ob es ihm gefällt. Doch weiter. Weil ich auch in Japan viele Freunde habe, wollte ich auch sie nicht um dieses Erlebnis bringen und googlierte die französische Version ins Japanische:

Ilsebillいっぱい。我々は、彼の羊たち豆肩と梨の前に設計された:10月の初めから。あなたは、より多くの彼の口がフルを食べた場合、彼は言った:“今Wollベッドの中で、またはあなたは物語が始まったことを事前に言いたい何を、いつ、どこで」

Ich werde Yuko, Yoko,Tomoko und Miwa fragen, ob sie es erkannten. Jedenfalls sieht es beeindruckend aus. Ilsebill mit japanischer Schrift: gibt es gar nicht… Zum Glück habe ich nicht weitergemacht. Nur zu sehr hätte mich ein Üzbek – Papua – Urdu – Umweg gereizt. Doch weil ich jetzt zu neugierig war, ließ ich den japanischen Text ins Deutsche zurücktrans…chieren:

Ilsebill voll. 10 Monate von Anfang an: Wir waren vor der Birne und seinen Schafen Mamekata gestaltet. Wenn Sie sind, desto mehr aus seinem Mund aß eine vollständige, sagte er: „Jetzt Woll im Bett, oder was Sie im Voraus sagen, dass die Geschichte begann, wollen, wann, wo“

Na also! So hat es wenigstens einen Sinn, oder? Ilsebill voll, und kann infolgedessen nicht mehr klar reden, fertig.

Auch Sie können es versuchen, das Ergebnis wird das Gleiche sein. Und jetzt verrate ich Ihnen etwas. Ich bin gar nicht intolerant und selbstgerecht. Nein neeein! Ich mag Zwölftonmusik, Aktionskunst und experimentelles Theater sehr, sehrsehr. Und sogar Günter Grass ertrage ich einige Zeilen lang. Nein. Der wahre Grund meines Spielchens war, den Unterschied zwischen dem menschlichen Geist und der digitalen Technik zu zeigen. Wer das nicht begreift, wird von der Birne und seinen Schafen Mamekata gestaltet… Und viel Spaß bei der Nachahmung! Die gelungensten Exemplare veröffentliche ich gerne hier, schicken Sie sie mir zu! Nur Mut! Dass die Geschichte begann, wollen, wann wo! Und jetzt Woll im Bett, denn es ist kalt. Gute Nacht! Beim nächsten Mal kommt Helene Fischers Atemlos ran, kritiklos und googlegerecht, einverstanden?

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