Hardcore

Jahreswechsel… Zu diesem Anlass mal etwas ernstere Worte. Doch keine Angst, ich werde weder besinnlich noch belehrend oder politisch. Nur etwas nachdenklich. Es geht um grundlegende menschliche Eigenschaften…

Hardcore

Guter Titel, nicht wahr? Springt richtig ins Auge, wie Posh Beckhams magerer Hintern. Doch ich muss Sie enttäuschen, es geht nicht um das, was manche Damen und Herren miteinander treiben, so professionell, dass es am Ende weder für sie noch für die Zuschauer ein Vergnügen bereitet. Nein, das Wort habe ich in einer Mountainbike-Zeitschrift aufgeschnappt, in der ein Leser stolz berichtete, er hätte mit einigen Freunden die Alpen überquert, auf Mountainbikes ohne Federung. Das sei Hardcore, seiner Meinung nach.
Bravo! Da kann ich nur ausrufen: welcher Heldentum! Man stelle sich vor: über Berg und Tal zu strampeln, auf einem puritanisch schlichten Rad, mit mindestens 21 Gängen, Gel-Sattel, erstklassigen japanischen Edelstahl- und Carbon-Teilen und fünf Zentimeter dicken, garantiert pannensicheren Reifen! Nur die Federung fehlt, die der Schreiber als zu komfortabel empfindet und aus Prinzip ablehnt.
Ich möchte nicht prahlen, aber in meiner Jugend fuhr ich mal an einem Vormittag an die hundert Kilometer zum Plattensee mit dem Rad. Unterwegs musste ich ein Mittelgebirge überqueren. Das alte Rad war ohne Gangschaltung, den Sattel stopfte ich mit einer Mütze aus. Alle paar Kilometer pumpte ich die Reifen auf und zog irgendwelche Schrauben nach. Wie gern hätte ich ein Rad mit funktionierenden Teilen und wenigstens einer Dreigangschaltung gehabt! Das war Hardcore, wenn man mich fragt.
Aber das ist nicht so wichtig. Interessant finde ich, dass offenbar eine ganze Menge Menschen den Fortschritt – und nicht nur den – ab einem willkürlich gewählten Zeitpunkt an, aus prinzipiellen oder moralischen Gründen ablehnen. Telefon ja, Handy nein; Auto ja, Servolenkung nein; Dynamit ja, Atombombe nein. Faszinierend, diese Selbstgerechtigkeit. Da fallen mir die Amish People ein, die irgendwann beschlossen haben, dass der Fortschritt um das Jahr 1650 aufzuhören hat, ab da ist alles Teufelswerk. Pferdekutsche gut, Auto schlecht; Aderlass gut, Bluttransfusion schlecht. Sie sind auch besonders gottesfürchtig, was an sich nichts Negatives ist, nur, sie sollten sich vielleicht fragen, wieso der Allmächtige, als er Adam und Eva erschuf, sie nicht gleich mit Pferdekutsche und stählernem Werkzeug versorgte? Vielleicht sind diese Sachen auch schon frevelhaft, weil nicht Gottes Werk, sondern Erfindung des Menschen? Und warum gerade das Jahr 1650? Warum nicht, sagen wir, 1825, als die ersten Dampfschiffe fuhren, oder vor dreitausend Jahren, als man die ersten eisernen Waffen schmiedete? Wann und wo beginnt das Teufelswerk, und wer ist dazu berufen, das festzustellen?
Sie sehen, ich habe ein Problem. Nicht mit dem Wort Hardcore, auch nicht mit den Amish People oder gar dem Mountainbike. Sondern ganz allgemein mit Leuten, die überheblich und selbstgerecht glauben, zu wissen, ab wann das menschliche Gehirn aufhören sollte, zu denken und sich und die Welt zu ändern – und glauben, dass ausgerechnet sie dazu erkoren sind, die Regeln aufzustellen. Suspekt ist mir nicht die Pflege der Tradition, auch nicht der fehlende Glaube an den Fortschritt, sondern die Bereitschaft vieler, Engstirnigkeit und Intoleranz nicht nur als Positivum zu betrachten, sondern sogar zur Weltanschauung zu erklären.
So entstehen Dogmen, Sekten und Diktaturen.

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