Eckdaten und Basislastschrift

Neulich beim Internetbanking fiel mir ein Wort auf, das ich noch nie gehört habe: Basislastschrift. Da ich ein Mensch bin, der recht sorgfältig mit der Sprache umgeht, dachte ich eine Weile darüber nach, googelte erfolglos, und fragte dann bei meiner Bank an, was dieses Wort bedeutet. Lastschrift halt, meinte die freundliche Dame. Auf die Frage, warum das jetzt anders heißt, wusste sie ebenso wenig eine Antwort, wie auf die, ob es auch andere Lastschriften als Basislastschrift gibt. Erneut googelte ich, ohne Ergebnis. Fazit: aus dem Wort Lastschrift wurde das Wort Basislastschrift, fertig.

Hier muss ich ein bißchen weiter ausholen, denn meine ungewöhnliche Neugierde hat einen ganz bestimmten Grund. Ich komme nämlich, das weiß mancher meiner Leser bereits, aus einem anderen Land. Deutsch war einst eine Fremdsprache für mich. Doch weil ich die wichtigen Dinge im Leben recht gründlich angehe, lernte ich nicht nur oberflächlich deutsch, sondern fragte immer wieder nach Bedeutung, Herkunft und Logik von Worten und Sätzen. Und fand sie – manchmal.

Als ich herkam, fiel mir als Erstes auf, dass man mich duzte. Das war nicht weiter schlimm, denn ich war jung. Doch in meiner barbarischen Heimat, wo die Leute ohne Sattel reiten, wild Geige spielen und den ganzen Tag Gulasch fressen, pflegt man Fremde mit Sie anzusprechen. Das Du war das erste Wort in Deutschland, das mir auffiel. Neugierig wie ich bin, forschte ich nach, und fand bald den Grund: ich war ein Ausländer.
Anfangs war ich beleidigt, doch das half nicht. Worauf ich die Sache umdrehte. Sprach mich jemand mit Du an, fiel ich ihm um den Hals, gab ihm links und rechts je einen feuchten Schmatzer und brüllte „Brriedärrchän!“ in sein Ohr. Er duzte mich nie wieder, und jene, die es mitbekamen, ebensowenig. Ja, und seitdem bin ich nicht nur ganz Ohr, wenn es um die Sprache geht, sondern untersuche sie mit einer Art respektvoller Belustigung.
Deshalb war das Nächste, was mir auffiel, das Amtsdeutsch, denn ich musste mich damals so häufig mit Begriffen wie Aufenthaltsgenehmigungsverfahren, Arbeitserlaubnisbewilligung, Einbürgerungsgesuchsuntersuchungsfrist usw. beschäftigen, dass ich nachgehen wollte, ob jemand diese Sprache überhaupt versteht. Es stellte sich heraus, dass die Beamten selbst nicht verstanden, was da auf den Formularen stand, und so war es auch egal, was ich hineinschrieb oder ankreuzte. (Das machte die Sache leichter!) Doch das kennt auch jeder Eingeborener, und deshalb führe ich es nicht weiter aus.
Es war in den späten 70-ern (nicht 70gern, auch nicht 70igern usw. Darüber ein andermal!) das Wort, das so häufig missbraucht wurde, dass ich schon Ausschläge beim Hören bekam: Sicherlich. Sicherlich, meist in der Verbindung mit Mit Sicherheit. Die meisten Fußballer und Politiker benutzten diese Phrasen andauernd. Fragte man Kaiser Franz, der damals noch eine Dauerwelle und seine erste Frau hatte, wie er das eigene Spiel fand, so blickte er eine Weile schräg in den Himmel, und sagte dann bedächtig: „Öö… ööö… öööö… das… alsooo… sicherlich… der Ball.. ist… mit Sicherheit… ööö… rund.“ usw. Furchtbar, nicht? Sogar Willy Brandt begann fast jede seiner Reden, mit seiner krächzenden Stimme damit. „ Meine Damen und Herrren, liebe Mitbürrgerinnen und Mitbürrger, was die innere Sicherheit sowie das Verhältnis zur sogenannten Dädä-ärrrr betrifft, so ist das sicherlich…“
Diese Floskel zog sich wie ein roter Faden durch den deutschen Sprachhimmel, zwanzig Jahre lang, bis sie irgendwann genauso aus der Mode ging, wie die RAF, die vielleicht sogar unfreiwillig zum Entstehen des Wortes betrug. Dabei bedeutet es nichts, gar nichts. Wenn man es aus dem Satz weglässt, bleibt die Bedeutung des Satzes mit Sicherheit unverändert. Sehen Sie?
Das Wort Sicherlich ging sicherlich – sogar mit Sicherheit – auch aus der Mode, weil man andere Worte ohne Sinn fand, die aus unerklärlichen Gründen in regelmäßigen Zeitabständen wie Epidemien die Bevölkerung befallen. Von daher war die nächste Floskel seit den 90-ern eben diese: von daher. Mittlerweile hört man sie überall, sie wird gedankenlos jedes Mal und von jedem verwendet, wenn man etwas erklärt. Ich hatte Pech, von daher hatte ich auch kein Glück. Ich hatte Hunger, von daher ging ich etwas essen. Von daher, nach wohin, möchte ich fragen, doch fällt mir auf, dass ein Wohin genügen würde – aus dem gleichen Grund: das Von oder Nach ist absolut überflüssig. Daher komme ich, dahin gehe ich. Die Bedeutung dieser Worte mit dem Zusatz Von zu multiplizieren ist unnötig und falsch. Von daher werde ich sie auch niemals benutzen, wenn ich nach wohin gehe? Nach Hergatz zum Beispiel. Als ich neulich durch den Ort fuhr, kam mir die Idee, dem Bürgermeister vorzuschlagen, ihn umzubenennen: Vondahergatz. Zeitgemäß wäre es, oder? Doch von daher bin ich mit Sicherheit sicher, dass diese blödsinnige Wortkombination eines Tages aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwinden wird – um einem anderen Unsinn Platz zu machen.

Jedenfalls finde ich keine Erklärung für diese Phänomene. Auf ein anderes Phänomen eine Erklärung zu finden ist dagegen sicher ganz einfach, (von) daher werde ich es jetzt mit Sicherheit untersuchen:
BASISLASTSCHRIFT! Eitel und auffällig prangt das Wort seit neuestem auf meinen Kontoauszügen. Woher kommt es? Aus Deutschland, oder? Nein! Es kommt aus dem bislang unbekannten, exotischen Land Borniertia, auch Wichtigtuerien genannt. Dieses Land wird man vergeblich auf der Landkarte suchen. Es befindet sich dort, wo auch das unverständliche Amtsdeutsch beheimatet ist: in den Köpfen von bestimmten Menschen, die glauben, die eigene Wichtigkeit dadurch unterstreichen zu müssen, dass sie aus einfachen Worten Bandwurmworte machen. So klingt alles, was sie sagen und schreiben, viel, viel wichtiger. Lastschrift genügt eigentlich völlig, doch Basislastschrift klingt bedeutender, und wer das Wort benutzt, fühlt sich bedeutender. Obwohl er nur lächerlich ist. Grundlächerlich. Basislächerlich… Und er ist nicht allein! Er befindet sich in bester Gesellschaft. Neben ihm sitzt der Herr – ich nehme an, es sind Herren, die solche Worte konstruieren, keine Ahnung, warum – der das Wort Eckpunkt und Eckdaten konstruiert hat. Eckpunkt, was ist das? Ein Punkt. Fertig, aus. Zum Eckpunkt wird er völlig unnötig, denn er bleibt ein Punkt. Nur klingt er so viel bedeutsamer, ebenso wie das Wort Rahmenbedingung. Das ist der Wahnsinn, oder? Jahrhundertelang hieß es Bedingung, sogar Könige, Kaiser und Päpste benutzten es so. Doch dann kam der wichtige Herr Politiker, und schaffte Rahmenbedingungen. Als ob es so etwas Anderes bedeuten würde! Hätte Papst Gregor in Canossa seinerzeit Rahmenbedingungen gesagt, hätte ihm Heinrich IV. mit Sicherheit den Kopf abgeschlagen. Zu Recht. Grundrecht. Eckbasisrecht.
Das nächste Wort, mit dem man den gleichen Unsinn treibt, vor allem in der Politik, ist Kern. Kernproblem, Kernbereich, Kernarbeitsnorm. Wenn man es weglässt, bleibt das Wort das Gleiche. Noch gut, dass die Bauern es anders sehen, sonst könnte es eines Tages Kernpfirsichkern heißen, oder einfach Kernkern. Doch Bauern sind bekanntlich schlau. Und nicht borniert.
Obwohl… wenn ich es mir überlege… so schlimm finde ich es gar nicht. Wenn ich ähnlich sinnlose Floskeln fände, wäre ich vielleicht in den Augen der Anderen ein wichtigerer Mensch. Schauen wir mal: ich bin P.G., ein Kernungar, der zu einem Grunddeutschen wurde. Mein Beruf ist Basismusiker. Ich bin hauptverheiratet mit einer haushochanständiger Einzigehefrau, die mir mehrere Eigenkinder schenkte, die ich zusammen mit meinen Gleichwertstiefkindern verantwortungsvoll, überverantwortungsvoll, am Überverantwortungsvollsten (Huch, muss ich beim Tippen aufpassen!) erziehe, und denen ich die grundwichtigsten Sachen im Irdischleben tiefbeibringe. Zum Beispiel, dass sie den Unsinn mit der unnötigen und sinnlosen Komplizierung von einfachen und gut verständlichen Worten lassen sollen. Von daher ist das mit Sicherheit meine einzige, einzigste, absolutobereinzigste Aufgabe. Denn ich bin das Familienhaupt. Familienoberhaupt. Familienoberüberkernhaupt…

Anm. d. Redaktion: Der Schreiber dieser Eckzeilen wurde soeben in eine Hauptzwangsjacke gesteckt und in die strenggeschlossene Zentralkernabteilung eines Basisnervensanatoriums zwangseingewiesen. Während dessen schrie er immer wieder die gänziglichunbekannte und grundunverständliche Worte „Punkt, Kern, Basis, Langzeitaufenthaltsbewilligungsgesuchsbearbeitung!“. Sein Zustand ist ernst. Bierernst. Starkbierernst. Eine Ganzheitsbasisheilung ist grundsatzunwahrscheinlich.

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