Aktionskunst

Diesen Artikel beginne ich mit einem Geständnis. Zähneknirschend muss ich Ihnen beichten, dass ich von den bildenden Künsten keine Ahnung habe. Zwar ist bei mir ein Hauch musikalisches Talent vorhanden, und auch meine virtuelle Schreibfeder mag ganz passabel über das ebenfalls virtuelle Papier tanzen (das behaupten andere, nicht ich!), aber bei der Betrachtung von Bildern und Skulpturen regt sich bei mir leider absolut nichts.
Ich weiß, ich bin schuldig. Zu meinem Glück begann ich bereits als Kind mit dem (unfreiwilligen) Studium der Kunstgeschichte: das war damals im kommunistischen Ungarn noch üblich. Die Herrschenden – und das war NICHT das Volk! – waren der Meinung, Bildung sei alles, und führten in den Schulen intensiven Musik – und Literaturunterricht und sogar Kunstgeschichte ein.

Ich war schon immer der Meinung, nicht der Zweck einer bestimmten Handlung sei wichtig, sondern ihre Wirkung. Beispiel: Geht ein abgehalfterter Promi in den Dschungelcamp und stiftet dann das erwirtschaftete (??) Geld in ein Waisenhaus, betrachte ich das als ehrenhaft, denn es ist eine gute Tat, und die dahinter verstecke Absicht, noch prominenter zu werden, ist mir schnurzegal, vor allem, wenn der/die Gute hinterher sowieso als Depp der Nation gilt.

Das Gleiche gilt für mich im Falle des bildenden Unterrichts im sogenannten Kommunismus: es war eine der wenigen Vorteile dieses Systems, obwohl diese gerissenen Gauner dabei nur einen bestimmten Zweck verfolgten. Denn gleichzeitig wollten sie die Herrschaft von Arbeitern und Bauern im Staate sichern, und benachteiligten deshalb in allen Lebensbereichen die sogenannten Intellektuellen, also alle, die nicht Bauer oder Arbeiter waren. Meine Mutter war Schauspielerin, Intellektuelle also, und deshalb ließ man mich nicht Maschinenbau studieren, obwohl ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Dass sie mir einen Gefallen damit taten, ist eine andere Sache – und ein anderer Artikel… Summa summarum: sie benutzten den intensiven Bildungsunterricht, um Feinde anzuzüchten, die sie dann benachteiligen konnten, um die Masse von Arbeitern und Bauern auf ihre Seite zu ziehen. Denn das Feindbild gehört in jedes System, erst recht in eine Diktatur.

Gut. Zurück in die Gegenwart. Also bin ich dank Unterricht trotz meines totalen Banausentums einigermaßen in der Lage, den künstlerischen Unterschied zwischen der Nachtwache von Rembrandt und dem röhrenden Hirsch von der Oma zu erkennen. Sogar der Surrealismus ist mir halbwegs geläufig. Bei der abstrakten Kunst dagegen… sagen wir mal so: „öööhm… leider… verstehe ich zu wenig davon… außerdem…“ Und so weiter. Die Realität ist, dass ich trotz des Wissens, dass die bildenden Künstler, als die Fotografie erfunden wurde, selbstverständlich nach neuen Wegen suchen mussten, beim Betrachten der abstrakter Kunst die gleichen Symptome bekomme wie… na, sagen wir, wie beim Zahnarzt. Und weil ich nicht gerne leide, verwende ich auch dort eine ganz bestimmte Technik. Ich versuche mich von außen zu sehen, wie ich mit offenem Maul da liege, der Mund voll von einem zwölfteiligen Küchenbesteck, und finde, dass das komisch aussieht. Und darüber amüsiere ich mich dann. So wird die ganze Prozedur viel erträglicher.

Wie auch neulich. Ein befreundeter Maler zeigte mir seine abstrakten Bilder, vermutlich in der Annahme, dass ein Musiker (ja, das bin ich!) auch davon etwas versteht. Es war eine äußerst peinliche Situation, in der ich die gleiche Technik anwendete wie oben beschrieben. Ich begann, Witze zu reißen, denn sonst hätte ich zwischen zwei Todesarten wählen müssen: entweder zuzugeben, dass ich nicht die leiseste Ahnung davon habe, und das hätte sein Selbstvertrauen zerstört (oh, wie bin ich schlecht, dass ich mit so einem Banausen befreundet bin, hätte er gedacht…), oder zu versuchen, pseudointellektuellen Schwachsinn von mir zu geben, den er sofort durchschaut hätte, genau wie ich, wenn Laien versuchen, mit mir über Musik zu reden. So wählte ich den Klamauk, in der Hoffnung, er würde mitmachen. Einem seiner Bilder gab ich den Titel Giraffenkatze im Nebel, einem anderen Riesenamöbe beobachtet Verkehrsunfall.

Was soll ich sagen? Er hat nicht gelacht. Doch wie bereits gebeichtet, nicht die Künstler sind schuld, sondern ich. Das Talent, das Schöne und Wahre in der bildenden Kunst zu sehen, fehlt mir gänzlich. Deshalb versuche ich, diesen Mangel mit Humor zu kompensieren. Und Humor war schon immer die beste Medizin. Außerdem, abstrakte Kunst ist eigentlich Schnee von gestern. Die Gegenwart wird von der Aktionskunst beherrscht.

Was ist Aktionskunst? Hier ein Auszug aus Wikipedia:

Aktionskunst ist ein Oberbegriff für eine Reihe von Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts, die die klassischen Formen der bildenden Kunst (Plastik, Malerei) überschritten und um andere mediale und performative Ausdrucksformen erweiterten. Damit stellten sie sich in einen Widerspruch zu dem oft als zu konventionell und eng empfundenen Begriff von Kunst und Kunstbetrieb.

Aha… Meine erste Begegnung mit dieser Kunstrichtung geschah in den Siebzigern (Nicht 70zig, denn das wäre Siebzig-zig, capito??), als ich im Magazin Stern ein Foto des eingefetteten Stuhls von Beuys sah. Oder war das noch bildende Kunst? Keine Ahnung. Jedenfalls verstand ich es nicht, genauso wenig wie die Putzfrau im Museum, die den Stuhl eines Tages sorgfältig vom Dreck befreite, was dann halb Deutschland ins Unglück stürzte. Mich nicht, mea culpa, mich nicht! Und seitdem verfolge ich teils schuldbewusst, teils amüsiert diese Kunst:

Christo. Gegenstände werden in Plastikfolie verpackt, je größer, desto besser. Die Leute kommen und staunen, und der Künstler erklärt sehr wortreich den tiefen Sinn dieser Aktion. Das ist, wie so häufig in dieser Kunstrichtung, auch wichtig, denn sonst wüsste niemand, was das Ganze eigentlich soll. Und er macht vor nichts Halt. Er verhüllt Bäume, Häuser, Brücken, Inseln usw. Ich würde nichts sagen, wenn er nach einem Projekt aufgehört hätte, und sich anderen Techniken zugewandt hätte. Aber so ist es doch nur die gleiche kommerzielle Masche, der er ursprünglich entkommen wollte, oder? Wenn er wenigstens einige Politiker verhüllen würde, oder, der Gigantomanie zuliebe, Nordkorea! Aber so?

Oder der Künstler aus Österreich, dessen Name mir entfallen ist (und glauben Sie mir, es ist besser so!), der sich vor Publikum kopfüber aufhängen und einiger Male tüchtig gegen diverse Gegenstände klatschen ließ, bis er sich mehrere Rippen brach und ohnmächtig wurde. Bekannterweise lassen sich in dubiosen Establihments vor allem Herren in Machtpositionen von gewissen Damen auf ähnliche Weise behandeln. Nur dass sie dafür auch ordentlich zahlen, was vollkommen in Ordnung ist. Aber der „Künstler“ bekommt sogar Geld dafür! Also, ich würde da nicht hingehen, um ihn anzusehen, nicht mal wenn man mich dafür bezahlte, denn das fände ich ganz einfach würdelos, im Ernst!

Oder diese Dame, deren Name (usw., usw.) Oooh, ich könnte sie… googeln, tue es aber absichtlich nicht. Sie ist eine sehr berühmte Künstlerin, deren neueste Aktion ist, irgendwo in New York unbeweglich da zu sitzen und zu starren. Jedermann darf sich ihr gegenübersetzen und ebenfalls starren. Ich habe gelesen, dass Tausende Menschen diese Gelegenheit wahrnehmen. Viele brechen in Tränen aus. Abgesehen davon, dass ich gar keine Zeit dazu hätte: ich würde das nicht tun. Ich breche jetzt schon in Tränen aus, wenn ich daran denke. Die armen Menschen, sie tun mir richtig leid, obwohl sie es freiwillig tun. In meiner Kindheit haben wir das gemacht, nur dass wir dabei irgendwann zu kichern begannen – klar, nicht?

Ein bekannter Maler (den Namen boykottiere ich absichtlich!) steht seit Jahrzehnten vor der Leinwand und bewirft sie mit Farbklumpen. Ein anderer bindet Pinseln an die Pfoten von Katzen und lässt die armen Tiere vor der Staffelei herumfuchteln. (Tierquälerei!) Ein dritter watet bis zum Knie in Farben. Ein vierter… Also, ich weiß nicht. Für mich ist ein gewisser Michelangelo der erste Aktionskünstler gewesen: er kletterte auf ein zwanzig Meter hohes Gerüst, und malte seine Bilder zehn Jahre lang in der Sixtinischen Kapelle auf dem Rücken liegend, beim Licht von flackernden Kerzen. So nebenbei sind seine Fresken auch noch atemberaubend schön, seit fünfhundert Jahren. Und er wiederholte es nicht! Als Nächstes haute er aus einem Marmorblock eine Statue, dann baute er eine riesige Kirche, und die Welt ist ein halbes Jahrtausend später noch überwältigt… Aktionskunst?

Halt, aufhören, bitte aufhören!! Nicht hauen, ich bin unschuldig, aua… Ich habe es nicht so gemeint, nein, ihr Kritiker, ihr aufgebrachten Menschen, Gnade! Ich habe lediglich eine subjektive, weil menschliche, Ansicht geäußert. Außerdem finde ich Aktionskunst gar nicht schlimm, sondern trotz allem höchst sympathisch, allein aus dem Grund, damit der alte Adolf sich noch mehr im Grabe dreht! Allein dafür bin ich tausende Male bereit, diese Kunst zu ertragen, und die Vorstellung bringt mich zum Lachen! Welche Genugtuung! Macht ruhig weiter, ihr Aktions- und Konzeptkünstler, abstrakte Maler, Zwölftonmusiker, denn ich lebe tausendmal lieber in einer Gesellschaft, in der all das möglich ist, als in einer, die das verbietet und verfolgt.

Nur, da ist noch ein Aspekt. Ich verstehe durchaus, dass Kunst auch mal provozieren muss, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, und das ist heute mehr als nötig. Aber das so entstandene Kunstwerk sollte auch gut sein, sonst ist es keins. Nur Provozieren ist nicht genug, das ist noch keine Kunst. In Wirklichkeit bin ich sogar etwas neidisch auf die Aktionskunst. Warum? Das sind geniale Menschen, meine Damen und Herren, wirklich. Denn sie haben diese ausgefallenen Ideen, mit denen man Aufmerksamkeit erregen und damit den versnobten Mitgliedern dieser verrotteten, dekadenten Welt eine lange Nase zeigen und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen kann. Ob ihr Werk tatsächlich Kunst ist, können weder ich noch Sie beurteilen, sondern nur die Nachwelt. Wenn es sie dann noch gibt. Ich meine nicht die Kunstwerke, sondern die Nachwelt.

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