Szene im Bad

Ich stand unter der Dusche. Meine viel bessere Hälfte schminkte sich vor dem Spiegel. Wir schwiegen einvernehmlich. Dann unterbrach ich die Stille.
„Weißt du, die Yvonne geht mir nicht aus dem Kopf!“
Sie blickte mich schräg an. „So!“ Es war eine Feststellung, keine Frage.
„Sie hat sich seit dem letzten Mal stark verändert.“
„Hm. Und das nicht zu ihrem Nachteil.“
„Stimmt genau.“

Am Vortag hatten wir beisammen gesessen, im Freundeskreis. Auch Yvonne war dabei, ihr Mann, Stefan dagegen nicht. Vor einigen Monaten hatten sie sich getrennt. Beide 60, nach 25 gemeinsamen Jahren und mit zwei erwachsenen Kindern. Yvonne war schlanker geworden, und nicht nur das: sie wirkte freier, selbständiger, lachte viel, sprach mehr als früher. Die Trennung tat ihr anscheinend gut.

„Ich kann das gar nicht nachvollziehen“, sagte ich, während ich auf einem Bein balancierend, mühsam meine Fußsohle schrubbte. „In dem Alter, nach so vielen gemeinsamen Jahren…“
Meine Frau blickte mich schelmisch an, womit ich schon gerechnet hatte, denn ich glaube, sie zu kennen. Währenddessen machte sie mit einem winzigen Pinsel irgendwelche akrobatische Bewegungen in ihrem Gesicht.
„Also bleibst du bei mir, weil du so alt bist!“
„Eine typisch weibliche Frage“, entgegnete ich, während ich sorgfältig ein unsichtbares Stück Hornhaut von meinem Fuß kratzte. „Außerdem, weil wir schon so lange zusammen sind!“
Sie nahm das Blatt auf – oder das hingeworfene Schwert; was ihr wollt.
„Erzähl mir doch von deinen Gründen! Dann sage ich dir meine!“ Das letzte Wort betonte sie mit einem kühnen Strich mit dem Kajalstift.
Ich tat cool. „Na ja“, sagte ich, mein linkes Ohr mit dem kleinen Finger bearbeitend, „auch weil wir schon lange zusammen sind.“
Sie blickte immer noch schräg, das kann sie umwerfend. „Ahaaa!“
„Ja! Außerdem…“, ich tat nachdenklich, was gar nicht leicht ist, wenn man gerade Bauch und Digitalien einseift, „was würdest du tun ohne mich? Wer macht die Einmachgläser auf, wer trägt die Einkaufstaschen in die Küche, wer fängt die Spinnen und die Mäuse ein?“ (Wir wohnen auf dem Land und haben Katzen.)
„Klar“, sagte sie etwas undeutlich, weil sie gerade ihren Mund verzog, um unsichtbare Farbtupferchen auf ihrer Backe anzubringen. „Außerdem, wohin solltest du gehen?“
Denn bei einer Trennung muss immer der Mann gehen, das ist doch klar.
„Vollkommen richtig“, stöhnte ich, weil ich die letzte Zeit immer etwas atemlos bin, wenn ich versuche, meine Rückenmitte mit den Händen zu erreichen. „Wohin eigentlich? Siehst du, es gibt tausend Gründe, um sich nicht zu trennen. Aber ich…“, ich hielt eine wohl berechnete Pause, „ich habe nur einen einzigen!“
Sie zog ihren rechten Mundwinkel nach oben, wie Elvis. „Welchen?“
Während ich meine Körperfalten einer letzten, sorgfältigen Kontrolle unterzog, machte ich erneut eine Pause. Dann drehte ich mich zur Seite, um meinen Hüftspeck zu kaschieren und blickte sie bedeutungsvoll an.
„Dass ich dich liebe.“
Sie schaute prüfend in den Spiegel und blickte dabei wie ein blasierter englischer Lakai. Das ist bei ihr das letzte Schminkritual.
„So, so.“, sagte sie scheinbar unberührt. Doch ich glaube, sie zu kennen, das erwähnte ich bereits.

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2 Gedanken zu “Szene im Bad

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